Nr. 44/2014 vom 30.10.2014

Festival

Europa in aller Kürze

Europa liegt in Winterthur, zumindest sechs Tage lang. Nicht weniger als siebzig Filme umfasst der grosse Schwerpunkt «Framing Europe – Die europäische Idee», mit dem die Kurzfilmtage unseren Kontinent beleuchten. Aber wer oder was ist das eigentlich, Europa? Eine grosse, multikulturelle Shoppingmall für alle, die es sich leisten können, und für den grossen Rest da draussen eine schwer bewaffnete Festung des Reichtums, eine transnationale Vision für den Frieden und ein neoliberales Grossprojekt, ein historischer Traum und ein bürokratischer Apparat.

Diesen und anderen Bildern, die wir uns von Europa machen, gehen die Kurzfilmtage in insgesamt elf Programmblöcken auf den Grund. Zwei davon sind dem «Sonderfall Schweiz» gewidmet als Umschlagplatz für Waren und Menschen wie auch als politische Insel mit einem komplizierten Verhältnis zum europäischen Umland. Ein weiterer Block geht den Grenzen nach, die im Innern zusehends aufgelöst werden, damit man sie gegen aussen umso härter ziehen kann («Shifting Borders»). Und unter dem Titel «EUkraine» zeigen die Kurzfilmtage Videos aus dem Umfeld der Maidan-Bewegung.

Es ist ein Schwerpunkt, wie gemacht, um sich nach der Abschottungsinitiative vom 9. Februar und vor der nächsten Abschottungsinitiative namens Ecopop mit filmischem Stoff zur Reflexion zu versorgen. Angereichert wird das Programm durch eine ganze Reihe von Filmgesprächen und Podien, unter anderem mit WOZ-Redaktor Kaspar Surber. Und wer immer noch nach einem triftigen Grund für «Framing Europe» sucht, darf sich im Block «The Europeans» auf ein Wiedersehen mit «World of Glory» (1991) freuen: Das ist ein bitterböser und bodenlos trauriger Kurzfilm des jüngst mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten schwedischen Meisters Roy Andersson, dem in Winterthur schon vor dreizehn Jahren eine eigene Werkschau gewidmet wurde.

Fast muss man fürchten, dass vor lauter Europa der Rest der Kurzfilmtage etwas im Schatten steht: Ein weiterer Schwerpunkt versammelt Filme von indigenen Völkern, es gibt Übernatürliches und Satanisches («Dark Delights») und zwei Nocturnes mit kurzen Filmen über das Töten. Nicht zu vergessen drei frühe Kurzfilme mit Peter Sellers, und im Block mit dem sprechenden Titel «Girlz Gone Wild» ist sogar Lindsay Lohan mit von der Partie. Etwas vergessen? Genau, zehn Wettbewerbsblöcke gibts auch noch.

18. Internationale Kurzfilmtage in: Winterthur Diverse Orte, Festivalzentrum im Casinotheater. Di–So, 4.–9. November 2014. www.kurzfilmtage.ch

Florian Keller

Kleine Bieler Buchmesse

In welcher Form wird künftig gelesen? Und was heisst das für jene, die die Seiten erst zu Titeln bündeln? Die Medienkrise setzt auch den Buchverlagen zu. Doch statt zu jammern, haben die kleineren unter ihnen die Initiative ergriffen: Zum zweiten Mal findet in Biel die Kleine Bieler Buchmesse statt. In der dortigen Schule für Gestaltung präsentieren Verlage aus der Region und Gastverlage aus der ganzen Schweiz ihre Bücher: Renommierte Verlage wie der Rotpunkt- oder der Limmat-Verlag sind darunter, Spezialisten für Kunst und Architektur wie Scheidegger & Spiess oder für das gesprochene Wort wie Der gesunde Menschenversand. Auch Entdeckungen sind zu machen bei Verlagen mit geheimnisvollen oder lustigen Namen wie Edition Clandestin oder Edition Pudelundpinscher.

Dazu gibt es ein umfangreiches Programm: Es wird über die Zukunft des Verlagswesens diskutiert, und das Publikum kann Übersetzerinnen bei der Arbeit über die Schulter schauen. Gespannt sein darf man auf den Auftritt von Peter Bichsel: Er liest, gewissermassen an Ort und Stelle, aus dem Bielroman von Jörg Steiner: «Ein Messer für den ehrlichen Finder» war lange Zeit vergriffen und erschien diesen Sommer in einer Neuausgabe bei Rotpunkt. Verlage braucht es nicht nur für die Zukunft, sondern auch für die Geschichte.

«Edicion. Kleine Bieler Buchmesse» in: Biel 
Schule für Gestaltung, Sa/So, 1./2. November 2014. 
www.edicion.ch

Kaspar Surber

Lesung

Bajass auf der Spur

Ende April 1910: Der Ermittler Albin Gauch wird in einen abgelegenen Winkel der Innerschweiz gerufen. Dort sind ein Bauer und dessen Frau erschlagen worden. Die einzigen Indizien, die der Ermittler findet, sind ein Fussabdruck und ein Knopf. Doch bei seinen Nachforschungen stösst Gauch auf eine Fotografie, die einen etwa dreizehnjährigen Jungen zeigt. Auf der Rückseite steht mit Bleistift «Bajass» geschrieben. «Bajass» lautet auch der Titel des neuen Buchs von Flavio Steimann, der seit 1966 als Theatermacher tätig ist und Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten und Theaterstücke veröffentlicht.

Steimann schreibt seine Kriminalgeschichte in einer historisierenden Sprache und schafft dadurch eine beklemmende Atmosphäre. Das Auftauchen des Fotos des Knaben führt Gauch auf eine neue Spur: Die Bauersleute haben auf ihrem Hof Kinder ausgebeutet. Um diese zu finden, schifft der Ermittler auf einem Dampfer in die Neue Welt.

«Bajass», Lesung und Gespräch mit Flavio Steimann in: Willisau Stadtmühle, Do, 6. November 2014, 20 Uhr. www.stadtmuehle.ch

Silvia Süess

Theater

Ohne Bein mit Socken

Die Frau bürstet ihre Wimpern mit einer Gabel, der Mann hat seinen Kopf in der Stehlampe eingeklemmt: eine Welt, in der die Verrückten normal sind und die Seltsamen als gewöhnlich gelten – dies will die Theatergruppe Sapta (Swiss Association of Physical Theater Actors) in ihrem Stück «Ohne Bein mit Socken» schaffen. Die drei ProtagonistInnen bewegen sich in einem Kosmos, der seiner eigenen Logik folgt, seine eigene Norm und Wahrheit besitzt.

Das Stück basiert auf den Fallgeschichten des New Yorker Neurologen Oliver Sacks, der seine LeserInnen in eine Welt voller sonderbarer Phänomene katapultiert. Die Schauspieler von Sapta benutzen weniger die Sprache als ihre Körper und ihre Bewegungen, um das Publikum in eine absurd normale Welt mitzunehmen.

«Ohne Bein mit Socken» in: Bern Tojo in der Reitschule, Fr, 31. Oktober 2014, und Sa, 1. November 2014, jeweils 20.30 Uhr. www.tojo.ch

Silvia Süess

Film

Frauenhandel

«Man hat mich immer gezeigt, Männern, und man hat versucht, den Preis zu steigern.» Mit diesen Worten beginnt der Trailer des bewegenden Dokumentarfilms «Anna in Switzerland». Mit neunzehn Jahren begegnet Anna in Tschechien einem Schweizer, in den sie sich verliebt. Gemeinsam reisen sie in die Schweiz. Als sie dort ankommen, nimmt er ihr den Pass weg und entpuppt sich als Frauenhändler. Vierzehn Jahre lang zwingt er Anna zur Prostitution. Gehorcht sie nicht, so wird ihr eine Pistole vors Gesicht gehalten. Sie versucht alles, um diesem Albtraum ein Ende zu setzen.

Im Dokumentarfilm von Daniel Howard und Chantal Millès erzählt Anna, wie sie von der Welt abgeschottet wurde und in einen tiefen Abgrund voller Hilflosigkeit und Ohnmacht stürzte, wie sie missbraucht, diskriminiert und verleugnet wurde und wie sie nach und nach versuchte, ihre Würde zurückzuerobern. Howard und Millès ist es ein Anliegen, mit ihrem Film das Thema «Menschenhandel und Zwangsprostitution» an die Öffentlichkeit zu bringen. In der Schweiz gibt es gemäss dem Bundesamt für Polizei jährlich zwischen 1500 und 3000 von Frauenhandel Betroffene.

«Anna in Switzerland» in den Kinos ab Donnerstag, 30. Oktober 2014. www.annainswitzerland.ch

Milena Astray

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