Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Geschichten einer Krankenschwester

Vor einem halben Jahrhundert begann die Schweiz die Entwicklungszusammenarbeit mit Tansania. Christine Fürst ging als junge Krankenschwester nach Ostafrika – und musste zuerst einmal ums eigene Überleben kämpfen.

Von Harry Rosenbaum

«Keine Angst, das tut gar nicht weh»: Christine Fürst Ende der sechziger Jahre bei der Behandlung eines Kindes in Litowa, Tansania. Foto: Privatarchiv Fürst

Nein, an die grosse Glocke hängt Christine Fürst ihren Einsatz in Afrika nicht. Bei einem Podiumsgespräch im Frauenfelder Rathaus, im Rahmenprogramm zur Sonderausstellung über den Thurgauer Tansaniaauswanderer August Künzler, ist die Stimme der siebzigjährigen Freiburgerin so zurückhaltend, dass sie der Moderator bittet, etwas lauter ins Mikrofon zu sprechen. Sie tut es, und das ist gut. Es wäre für das Publikum schade gewesen, hätte es nur einen Teil der Geschichten aus der «Pionierzeit» der Schweizer Entwicklungshilfe mitbekommen.

Fürst hat in zwei Jahren Afrika reiche menschliche Erfahrungen gemacht – aber auch eine schwere Hypothek nach Hause gebracht. Rund 25 Jahre kämpfte sie danach mit den Folgen einer Malaria. Das Afrikabild, mit dem Fürst in den frühen sechziger Jahren gross geworden war, wurde noch vom Mythos des Urwalddoktors Albert Schweitzer und der Missionsarbeit bestimmt: «Der Einsatz in der Entwicklungshilfe ist schon in der Schwesternausbildung ein Thema gewesen», erinnert sich Fürst. Entsprechend gross sei der Idealismus gewesen, mit dem sich sie und ihre Kollegin Rosemarie Kappeler beim Dienst für technische Zusammenarbeit meldeten, der heutigen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).

Hütten putzen, Latrinen bauen

1963 wurden die beiden Krankenschwestern zur Ausbildung aufgeboten – für einen dreiwöchigen Kurs in einem Camp in Moghegno im Maggiatal. «Schon bei der Ankunft erhielten wir Gummistiefel in die Hand gedrückt. Die Verhältnisse im Tessin sollten wohl ein Test für unsere Afrikatauglichkeit sein.»

Gelernt wurde vor allem, was für das eigene Überleben nützlich sein könnte – und wer im Dienst versterbe, so hiess es, werde nicht in die Heimat zurückgeschafft. «Wir wurden vor der Abreise gefragt, was mit unserer Leiche vor Ort zu geschehen hätte», sagt Fürst. Geschockt habe sie das nicht: Die Überführung Verstorbener aus Afrika in die Schweiz war damals noch sehr umständlich.

Zum Einmaleins des Überlebens gehörte ein Allzweckverkehrsmittel: der Jeep. Ohne ihn hätten sich die Krankenschwestern bei ihrer Arbeit nicht fortbewegen können. Also lernten sie, damit zu fahren und ihn zu reparieren. Auch gute Latrinen galten in der Entwicklungshilfe als eine Art Lebensversicherung. Deren Bau war im Camp ein Teil der Grundausbildung. «Zwar versuchte man, uns mit den Lebensverhältnissen der Menschen vertraut zu machen», sagt Fürst. «Aber eine wirkliche Vorstellung von dem, was uns erwartete, gab die Ausbildung nicht. Einmal im Einsatzgebiet, mussten wir selbst lernen, wie man am besten überlebt.»

Die Krankenschwestern konnten zwar das Sprachgebiet, nicht aber ihr Einsatzland wählen. Die damals 23-jährige Fürst entschied sich für Englisch und wurde mit ihrer gleichaltrigen Kollegin 1967 nach Tansania geschickt: «Mit einem Kleinflugzeug wurden wir von Daressalam nach Litowa gebracht. Im Ort lebten zwischen 100 und 150 Erwachsene und viele Kinder. Englisch sprach kaum jemand. Also mussten wir so schnell wie möglich mit einem Wörterbuch Suaheli lernen, um überhaupt kommunizieren zu können.»

1967, als Fürst und Kappeler in Tansania anfingen – drei Jahre nachdem das Land durch den Zusammenschluss der britischen Kolonie Taganjika mit dem Sultanat Sansibar souverän geworden war –, legte Präsident Julius Nyerere die Grundlagen einer sozialistischen Entwicklung fest, in der der Staat die Kontrolle auf allen Sektoren übernahm.

Für die beiden jungen Frauen jedoch gab es zunächst einen Kulturschock. Christine Fürst lacht: «Wir sollten traditionelle Hütten mit Grasdächern bewohnen. Niemand hatte sie vorbereitet. Wir mussten sie erst einmal gründlich sauber machen. Auch gab es keine Toiletten im Ort. Also mussten wir auch noch Latrinen bauen. Aber das hatten wir ja im Tessin gelernt.»

Nähen, Flicken, Aufklärung

Der Gesundheitsstandard war rudimentär. Es gab nur eine Krankenstation, zwei Hütten mit drei Betten. «Wir hatten Medikamente gegen Malaria, Entwurmungsmittel und Verbandszeug. Viel mehr war nicht da. Unsere Patienten behandelten wir fast nur ambulant. Meist ging es um Wundversorgungen und die Bekämpfung von Infektionen. Für die Nachbetreuung machten wir Hausbesuche. Nur in ganz dringenden Fällen war eine stationäre Unterbringung möglich. Einen Arzt gab es nicht.»

Die Dorfleute seien sehr freundlich gewesen. «Allerdings waren wir fast mehr als Haushaltshilfen im Einsatz, nähten und flickten Kleider», erzählt Fürst, «oder gaben Anleitungen dazu. Natürlich klärten wir die Leute auch über Hygiene und gesundheitliche Grundregeln auf. Die Menschen in Tansania lebten damals noch sehr einfach. Deshalb war Gesundheitsprävention sehr wichtig.»

Anfänglich arbeiteten die beiden Frauen in einem Missionsspital zur Angewöhnung an die sanitären Verhältnisse. Die Leute auf dem Dorf, die sie von dort aus betreuen sollten, waren über ihre Aufgabe jedoch kaum informiert. Das bestätigt auch Rosemarie Kappeler: «Mich beschlich manchmal das Gefühl, dass unsere Arbeit kaum Sinn ergab. In der Schweiz wie in Tansania musste man die Entwicklungszusammenarbeit zuerst lernen.»

Einen Lohn bekamen die beiden nicht. Stattdessen wurde ein bescheidener Betrag auf ein Sperrkonto in der Schweiz überwiesen, den sie nach der Rückkehr abheben konnten. Trotzdem: Ihren zweijährigen Einsatz bereuten sie nie. Fürst jedoch war froh, später in der Schweiz mehr Wertschätzung zu erfahren: «Damals verhielten sich viele Ärzte noch sehr arrogant. Einer schrieb mal in der Zeitung: ‹Die Ärzte sind da zum Verdienen – und die Krankenschwestern zum Dienen.›»

Fast fünfzig Jahre später ist Tansania weltweit eines der ärmsten und am wenigsten entwickelten Länder. Die Verschuldung liegt bei rund acht Milliarden US-Dollar. Das Deza und das Staatssekretariat unterstützen Tansania als eines ihrer Schwerpunktländer jährlich mit rund dreissig Millionen US-Dollar. Afrikakenner Al Imfeld zum Beispiel gibt dem Land in den nächsten Jahren kaum Chancen, vorwärtszukommen: «Für den Export ist heute einzig der Kaffee von Bedeutung. Was dringend gebraucht wird, sind Arbeitsplätze – und die Überwindung der Korruption.»

Christine Fürst, die heute Rentnerin ist, war seit ihrer Zeit als frühe Entwicklungshelferin nie mehr in Afrika. Aber die Erfahrungen dort haben ihre Einstellung zum Gesundheitswesen verändert. Die Kommerzialisierung der Spitalmedizin durch die stete Amortisierung teurer Apparaturen sei mit ein Grund für sie gewesen, sich später als Therapeutin weiterzubilden und selbstständig zu arbeiten, sagt sie.

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