Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Ausstellung

Podium über Agassiz

Sein Buch «Reise in Schwarz-Weiss» war wegweisend für die Aufarbeitung der schweizerischen Beteiligung an der Sklaverei. In den letzten Jahren machte der Historiker Hans Fässler immer wieder darauf aufmerksam, wie Schweizer Politiker, Wissenschaftler und Geschäftsleute das rassistische Denken mitprägten – insbesondere der Freiburger Gletscherforscher Louis Agassiz (1807–1873). In den Gemeinden rund um das nach dem Rassentheoretiker benannte Agassizhorn zeigte Fässler eine Ausstellung zur Geschichte der Sklaverei und den Menschenrechten.

Die Stadt St. Gallen, in der Fässler lebt, lehnte es ab, die Ausstellung finanziell zu unterstützen, auch liess sich dort kein Ausstellungssaal dafür finden. Nun ist sie doch noch in der Nähe zu sehen, im kulturell genutzten Zeughaus im ausserrhodischen Teufen. Die Ausstellung in Teufen kam auf Wunsch eines Nachbarn des Zeughauses, Gottlieb F. Höpli, ehemaliger Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts», zustande. Zum Abschluss der Ausstellung streiten der linke Fässler und der liberale Höpli nun über eine Umbenennung des Agassizhorns.

In der Ausstellung sind zusätzlich Werke der Künstlerin Sasha Huber zu sehen, die überall auf der Welt an Orten posiert, die nach Agassiz benannt sind. Sie nimmt dabei nackt die Pose ein, in der Agassiz die Sklaven fotografierte. «Durch diese Mehrfachbelichtungen verlieren die Posen ihre erniedrigende und an Gefangene erinnernde Bedeutung. Sie wirken stolz, kraftvoll und schön», meinte Museumsleiter Ueli Vogt an der Vernissage.

«Wie die Landschaft zu ihrem Namen kam» in: Teufen Zeughaus, Do, 6. November 2014, 
und So, 9. November 2014, je 14–19 Uhr. Podium: 
So, 9. November 2014, 14 Uhr.

Kaspar Surber

Musik

Perfume Genius

Es ist eine der spektakuläreren Metamorphosen in der aktuelleren Popmusik. Oder fast ist man versucht, von einer Häutung zu sprechen angesichts der Körperpolitik, um die es bei diesem Sound geht: Perfume Genius – was für ein toller Künstlername! – hatte erst zwei balladeske Pianoalben vorgelegt, in denen er sich mit den Dämonen seiner Jugend beschäftigte: mit der Diskriminierung, die ihm als jungem Homosexuellen in Seattle entgegenschlug, mit seinem Drogenkonsum auch, in den er sich flüchtete. Nun legt der 32-jährige Mike Hadreas, so sein bürgerlicher Name, ein unerhört selbstbewusstes Album vor: Er habe genug davon gehabt, dass die Leute mit dem Finger auf ihn zeigten: «Ich wollte ihnen ein ‹Fuck you!› entgegenschleudern. Ich hoffe, es wird für einmal für die anderen ungemütlich, nicht für mich.»

Und so sehen wir ihn, wie er im Video zu «Queen» im goldenen Shirt und mit roten Lippen ein Businessmeeting durcheinanderbringt. «Keine Familie ist sicher, wenn ich tänzle», singt er dazu gegen die Bigotterie und die eigene, falsche Scham. Kräftig ist dazu die Musik, die Synthesizer, die Adrian Utley von Portishead beisteuert, und die Drums, die John Parish spielt. Doch bei aller Opulenz in der Stimme und in der Musik: Immer noch folgen bei Perfume Genius Unsicherheiten, Brüche und Schreie, die andeuten, dass jede Identität nur auf Zeit feststeht.

Perfume Genius in: Zürich Exil, Mi, 12. November 2014; in: Lausanne Le Romandie, Do, 13. November 2014.

Kaspar Surber

Literatur

Isolde Schaad

Eigentlich wollte sie Karikaturistin werden: Die studierte Kunsthistorikerin Isolde Schaad, Tochter des Kunstmalers Werner Schaad, zeichnete viel als junge Frau und hatte schon damals einen guten Sinn für Humor. Doch «Satire für eine intellektuelle, kinderlose Frau ist eine harte Nuss, du darfst dich nicht über die Gesellschaft lustig machen», sagte sie im Gespräch mit der WOZ diesen Frühling (siehe WOZ Nr. 11/2014). So entschied sich die 1944 in Schaffhausen geborene Schaad gegen ein Leben fürs Zeichnen und für ein Leben fürs Schreiben. Zum Glück: Isolde Schaad wurde zu einer der wichtigsten Schweizer Autorinnen der Achtundsechzigergeneration, und noch heute ist sie mit ihrem einmaligen Tonfall, ihrem Witz und ihrem scharfsinnigen Geist eine wichtige kritische Stimme gegen die Selbstzufriedenheit in der Schweiz.

Bis 1974 arbeitete Schaad als Kulturredaktorin bei der «Weltwoche», seither lebt sie als freie Autorin – unter anderem auch für die WOZ – und Schriftstellerin. 1984 erschien ihr Buch «Knowhow am Kilimandscharo. Verkehrsformen und Stammesverhalten von Schweizern in Ostafrika». Die Kritik in der NZZ über das Buch trifft auch auf die weiteren Werke der Autorin zu: «Sie schreibt pointiert, polemisch, oft sarkastisch – aber ohne Häme. Mit Witz und Brillanz erzählt die Autorin ihre Geschichten.» Es folgten Romane, Essays, Porträts, Erzählungen – Schaads Werke sind vielfältig, sowohl sprachlich wie formal hat sie immer wieder Neues ausprobiert und sich an keine Konventionen gehalten. Stets sind ihre Bücher witzig und sprachlich sowie intellektuell auf hohem Niveau: Das Lachen und die Wut seien ganz wichtig in ihrem Leben, sagte sie im Frühling.

Im Oktober wurde die Autorin siebzig. Ihren runden Geburtstag feiert sie im Theater Rigiblick in Zürich mit der CD-Taufe ihres 2010 erschienenen Buchs «Robinson und Julia». Es lesen der Schauspieler Wolfram Berger und die Schauspielerin Nikola Weisse, am Flügel spielt Christoph Baumann. Die WOZ gratuliert Isolde Schaad herzlich zum Geburtstag und freut sich auf weitere Texte gegen die Borniertheit.

Isolde Schaad: Geburtstagssoirée und CD-Taufe in: Zürich Theater Rigiblick, Di, 11. November 2014, 20 Uhr. www.theater-rigiblick.ch

Silvia Süess

«BuchBasel»

Über Tod und Krankheit sprechen fällt uns nicht leicht. Und darüber schreiben? Lukas Bärfuss thematisiert in seinem Roman «Koala» den Freitod seines Bruders. Der österreichische Autor Arno Geiger schreibt in «Der alte König in seinem Exil» über die Demenzerkrankung seines Vaters. Am Literaturfestival «BuchBasel» diskutieren die beiden Männer über Tabuthemen wie den Tod, das Alter oder Krankheiten in der Literatur. Während vier Tagen bietet das Festival ein vielfältiges Programm: Sowohl die Schweizer wie auch internationale Literatur stehen im Fokus, und neben Lesungen und Diskussionen gibt es auch Konzerte und Performances.

Einen Schwerpunkt des Festivals bildet Literatur aus Ländern, die politische Brennpunkte darstellen. So ist der in Berlin lebende irakische Autor Najem Wali in Basel, dessen erschütternder Roman «Bagdad Marlboro» von der Traumatisierung der Soldaten und der Hilflosigkeit ihrer Umgebung nach dem Irakkrieg erzählt. Einen «ukrainisch-russischen Dialog» führen Juri Andruchowytsch und Michail Schischkin, der ukrainische Autor Andrej Kurkow liest aus seinem neuen Roman «Jimi Hendrix live in Lemberg». Aus der Türkei ist Oya Baydar zu Gast, sie liest aus ihrem Roman «Das Judasbaumtor» und spricht über die staatlichen Repressionen in der Türkei. Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan präsentiert seine Teheran-Trilogie.

Auch Schweizer AutorInnen sind zu hören und zu sehen: So gibt es auf dem Wassertaxi Lesungen von Verena Stössinger, Melitta Breznik, Kathy Zarnegin, Wolfgang Bortlik oder Christoph Keller. Und am Ende des Festivals wird der Schweizer Buchpreis 2014 verliehen. Nominiert sind die Autorinnen Dorothee Elmiger und Gertrud Leutenegger sowie die Autoren Guy Krneta, Heinz Helle und Lukas Bärfuss.

BuchBasel in: Basel Verschiedene Orte, 
Do–So, 6.–9. November 2014. Eröffnung: Volkshaus, 
Do, 6. November 2014, 19 Uhr. www.buchbasel.ch

Silvia Süess

Film

Weltfilmtage Thusis

Die Welt kommt in die Bündner Berge. Zumindest ins Kino Rätia nach Thusis, wo zum 24. Mal die Weltfilmtage stattfinden. Während dieser Tage laufen im «Rätia» durchgehend Spiel- und Dokumentarfilme, die einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft werfen und Einblicke in andere Welten geben. Die Salzwüste in Indien ist die Protagonistin in Farida Pachas «My Name Is Salt» (2013). Der Dokumentarfilm zeigt die riesige Salzwüste, die sich mit jedem Monsun in ein Meer verwandelt. Sobald sie wieder zur Wüste wird, kommen rund 40 000 Familien aus ihren Dörfern, um in diesem Ödland zu leben – ohne Wasser, ohne Elektrizität und ohne Infrastruktur. Im irakischen Spielfilm «Kick Off» (2009) von Shawkat Amin Korki dreht sich alles um ein Fussballstadion, und im Film «Manuscripts Don’t Burn» des iranischen Regisseurs Mohammad Rasulof steht das Manuskript eines Romans im Zentrum, dessen Veröffentlichung verhindert werden soll. Neben den Filmvorführungen gibt es die Möglichkeit, verschiedene RegisseurInnen zu treffen und mit ihnen über ihre Werke zu diskutieren.

Weltfilmtage in: Thusis Kino Rätia, 
bis So, 9. November 2014. www.weltfilmtage.ch

Silvia Süess

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