Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Der heftig unglückliche Menschenfreund

Von Brigitte Matern

Als Kind gehänselt und ausgenutzt, als Erwachsener gemieden und verhöhnt: Der 1746 geborene Zürcher hatte handwerklich kein Geschick, und auch auf Reinlichkeit achtete er wenig. Trotzdem nahm ihn die schönste Frau des Orts zum Mann, und in der Mitte seines Lebens wurde er sogar berühmt.

Durch den frühen Tod des Vater war seine Familie verarmt, doch als Stadtbürger standen ihm die besten Schulen offen. So studierte er zunächst Theologie, wechselte dann aber – unter dem Eindruck der Aufklärung – zur Rechtswissenschaft, da er hoffte, im Staatsapparat Reformen anstossen zu können: Willkür und Korruption der Regierenden, Ungleichheit und Zensur, die Ausbeutung der Dorfbevölkerung – all das musste endlich ein Ende haben. Aber die Zürcher Stadtaristokratie hatte an einem derart kritischen Angestellten kein Interesse.

Der glühende Anhänger Jean-Jacques Rousseaus hängte die Juristerei an den Nagel, machte eine Landwirtschaftslehre und erwarb 1769 ein Bauerngut. Eine glückliche Hand hatte er aber weder beim Ackerbau noch mit einer Sennerei noch im Baumwollhandel – Missernten und mangelndes betriebswirtschaftliches Talent liessen seine Unternehmungen scheitern.

Nur in einem war er auf Dauer erfolgreich: Er glaubte daran, dass die Landbevölkerung dem Elend nur durch Bildung entkomme. 1774 machte er aus seinem Hof eine Armenerziehungsanstalt, in der er verwahrloste Kinder arbeiten liess und unterrichtete. Als er die Anstalt aus Geldmangel schliessen musste, begann er zu schreiben und veröffentlichte 1781 einen viel beachteten Roman, in dem er die Mühen des Dorflebens beschrieb, eine gerechtere Welt dagegenstellte und seine Ideen für eine kindgerechte, natürliche Erziehung skizzierte.

Erst als 1789 die verkrusteten Machtstrukturen aufbrachen, erkannte man das revolutionäre Potenzial des Mannes. Er wurde zum Ehrenbürger Frankreichs ernannt und erhielt 1798 – Napoleon hatte die Schweiz gerade in eine zentralstaatliche Republik verwandelt – vom helvetischen Kulturministerium den Auftrag, sein pädagogisches Reformkonzept umzusetzen. Seine Schulen für Lehrpersonal und Kinder zogen Interessierte aus aller Welt an.

Wer war der 1827 verstorbene, lange Jahre heftig unglückliche Menschenfreund, der dem «übel unterrichteten Volk» mit Kopf, Herz und Hand zu einem besseren Bildungssystem verhalf?

Wir fragten nach dem Schriftsteller und Reformpädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827). 1762 erschienen Jean-Jacques Rousseaus Werke «Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts» und «Emile oder über die Erziehung», die Pestalozzi stark beeindruckten. Der 1781 veröffentlichte Dorfroman war «Lienhard und Gertrud», 1801 erschien das Grundlagenwerk zu Pestalozzis ganzheitlicher, anschauungs- und entwicklungsorientierter Pädagogik, «Wie Gertrud ihre Kinder lehrt». Seine Lehrinstitute entstanden in Burgdorf, Münchenbuchsee und Yverdon. Auf seinem ehemaligen Hof, dem Neuhof beim aargauischen Birr, ist heute ein Erziehungs- und Berufsbildungsheim zur Integration gefährdeter Jugendlicher untergebracht.

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