Nr. 47/2014 vom 20.11.2014

Film

Ein Thriller in Anführungszeichen

Ökoterrorismus? Regisseurin Kelly Reichardt («Old Joy») spricht lieber von radikalem Aktivismus, spricht man sie auf ihr jüngstes Werk «Night Moves» (2013) an. Ein militantes Trio, angeführt von Josh (Jesse Eisenberg), will einen Damm in Oregon in die Luft sprengen, um ein Zeichen gegen die Ausbeutung der Natur zu setzen. Davor gibts keine flammenden politischen Reden: Ist der Plan einmal gefasst, erübrigt sich ein Austausch über politische Überzeugungen.

«Night Moves» ist kein Actionfilm, sondern eine minuziöse Chronik der kleinen Handlungen, die zur Tat führen. Die Explosion selber ist dann nur ein dumpfer Knall in der Ferne, dafür sehen wir aus nächster Nähe, wie die Militanz implodiert: Das seelische Nachbeben trifft nicht nur Josh im Innersten – für seine Mitstreiterin Dena (Dakota Fanning) hat es böse, handfeste Folgen. Kelly Reichardt will ihre Figuren nicht verurteilen, aber der Film tut es irgendwie doch. Ein Thriller ist das zwar nur in Anführungszeichen, aber in dem spröden Werk Reichardts ist diese Studie über politische Gewalt der bislang zugänglichste Film. Für einen regulären Kinostart hat es trotz Starbesetzung nicht gereicht, nun ist «Night Moves» im Stadtkino Basel zu entdecken.

«Night Moves» in: Basel Stadtkino. 
Do, 20. November 2014, 21 Uhr. Mo, 24. November 2014, 18.30 Uhr. Do, 27. November 2014, 21 Uhr. Sa, 29. November 2014, 22.15 Uhr. www.stadtkinobasel.ch

Florian Keller

Film und Konzert

Kelvis Ochoa

Kelvis Ochoa gehört zu den bekanntesten «unbekannten» Musikern Kubas. Mitte der neunziger Jahre gründete der Gitarrist und Sänger mit Mitstreitern in Havanna die Rock, Funk und traditionelle kubanische Musik verbindende Band Habana Oculta. 1996 emigrierten die Mitglieder nach Madrid und gründeten die Formation als Habana Abierta neu. Weltbekannt wurde die Band 2005 mit dem Soundtrack zu Benito Zambranos «Habana Blues». Wenige Jahre später kehrten die Mitglieder wieder nach Kuba zurück, wo sie bereits 2003 bei einem triumphalen Konzert erstmals als Habana Abierta gespielt hatten. Ochoa verlegte 2008 seinen Wohnsitz wieder ganz nach Kuba und begann eine Solokarriere. Diese Rückkehr und das musikalische Leben Kubas stehen im Zentrum von «Yo sé de un lugar» von Beat Borter. Der Bieler Regisseur versammelt in seinem Film die Crème de la Crème von Kubas Musikszene. Geri Krebs

Kelvis Ochoa in: Genf Maison des Associations, 
Fr/Sa, 21./22. November 2014, je 20 Uhr; 
Zürich Volkshaus, Di, 25. November 2014, 18 Uhr (Gedenkveranstaltung für René Burri).

«Yo sé de un lugar» läuft zurzeit in Biel, Genf 
und Carouge im Rahmen des Festivals Filmar en America Latina. www.filmaramlat.ch

Geri Krebs

Ausstellung

Tagebuch schreiben im Krieg

Man könnte fast von musealer «Mobilmachung» sprechen – am Ersten Weltkrieg scheint 2014 auch in der Schweiz kaum eine Ausstellungsstätte vorbeizukommen. Woher diese Faszination? Eine Frage, die sich auch das Musée jurassien d’art et d’histoire in Delémont gestellt und nun ein Projekt entwickelt hat, das sich mit unserem Verhältnis zu Erinnerung und Krieg beschäftigt. Nebst wechselnden Schwerpunkten ziehen sich dabei die Tagebücher von Pfarrer Arthur Daucourt wie ein roter Faden durch die Ausstellung «14–18 aus heutiger Sicht». Daucourt, Historiker und Gründer des Museums, hatte die Ereignisse von Delémont aus beobachtet und kommentiert.

Ab dem 22. November stossen die Tagebücher des Künstlers Darko Vulic hinzu, die er während der Belagerung Sarajevos zwischen 1992 und 1994 verfasst hat. Die mit Skizzen und Zeichnungen durchsetzten Aufzeichnungen schenkt der im Jura lebende Künstler dem Musée jurassien. An den Wochenenden wird Vulic im «bosnischen Café» anwesend sein. Am 23. November zeigt Ursula Meier zudem den Dokumentarfilm «Les Ponts de Sarajevo», zu dem sie nebst weiteren Filmschaffenden einen Kurzfilm über Sarajevo und seine Bedeutung in der Geschichte Europas beigesteuert hat.

«Kriegsspuren: 14–18 aus heutiger Sicht» in: Delémont Musée jurassien d’art et d’histoire; Tagebücher von Darko Vulic (Sarajevo 1992–1994) von Sa, 22. November 2014, bis So, 14. Dezember 2014, Sa/So jeweils in Anwesenheit des Künstlers. Film «Les Ponts de Sarajevo» am So, 23. November 2014, 17 Uhr, 
in Anwesenheit von Ursula Meier. www.mjah.ch

Franziska Meister

Konzert

Ein politischer Komponist

Die entfremdete Arbeit in einer Giesserei, die brasilianischen Slums, die Bedingungen in US-amerikanischen Gefängnissen, der Aufstand des Volks in Nicaragua und am Ende eine Friedensvision: Das alles wird im grossen Oratorium «Erniedrigt – Geknechtet – Verlassen – Verachtet …» reflektiert, das der Schweizer Komponist Klaus Huber 1975 bis 1983 für Stimmen, Chor, Orchester und Tonbänder schuf – eines der wichtigen Zeugnisse klassischer politischer Musik jener Epoche.

Huber, geboren in Bern, Schüler von Willy Burkhard, wuchs in der reformierten Kirchenmusiktradition auf und entwuchs ihr bald, weil er in die Zeit hineinhorchte. Er gab sich nicht mit den theologischen Inhalten zufrieden, sondern überprüfte sie an der Aktualität. In einem Gespräch sagte er: «Es gibt Komponisten, die, wenn sie einmal etwas gefunden haben, zehn oder zwanzig Jahre oder das ganze Leben lang dabei bleiben. Das habe ich nie gekonnt. Ich musste mich ändern. Das kann auch damit zusammenhängen, dass ich weitergehen und infrage stellen wollte, dass ich die Musik erweitern, aber eben auch vertiefen wollte, um eben diese Resonanz sozusagen mehrdimensional zu gestalten.»

So hat sich Huber, der ganze Generationen junger KomponistInnen geprägt hat, selber hinterfragt und neue Themen aufgesucht. Getrieben von unermüdlichem Wissensdurst beschäftigte er sich mit der Dichtung des Russen Ossip Mandelstam, mit der Mikrotonalität in den Gesängen Carlo Gesualdos oder zuletzt mit der arabischen Musik. Stets waren die daraus entstandenen Stücke aber auch von einem humanistischen Engagement durchdrungen. Am 30. November feiert Huber seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Grund ist das 3G Dreigenerationenquartett mit seinen beiden Streichquartetten auf Tournee.

«Klaus Huber wird 90!»: Konzerte des 3G Dreigenerationenquartetts in: Lausanne Conservatoire, 24. November 2014; Winterthur Villa Sträuli, 25. November 2014; Boswil Alte Kirche, 28. November 2014; Basel Gare du Nord, 30. November 2014; Bern Universität, 2. Dezember 2014; Zürich Helferei Grossmünster, 4. Dezember 2014. 
www.streiffzug.com/huber

Thomas Meyer

Festival

Saint-Ghetto

«Black Metal» heisst Dean Blunts zweites Album – kein leichtes Werk, das gibt schon das Cover zu verstehen: Die Plattenhülle ist in Schwarz gehalten, Informationen zum Interpreten, den MusikerInnen, den Texten fehlen. Die kurzen Titel erfährt man lediglich beim Download des Albums: «50 Cent», «Heavy» oder «Mersh» beispielsweise. Natürlich klingt «Black Metal» nicht nach dem gleichnamigen Genre, noch steht es für die damit oft verbundene nihilistische Haltung. Konkreten Aussagen zur Titelgebung seines zweiten Soloalbums hat sich Dean Blunt bisher verweigert, doch wenn man ihn auf dem neunminütigen «X» eindeutig die Zeile «A nigger’s never coming back» über die lang anhaltenden Töne singen hört, merkt man schnell: Dean Blunt erzählt mit Dringlichkeit von seinen eigenen Erfahrungen als Schwarzer in Grossbritannien.

Das ehemalige Mitglied von Hype Williams macht mit «Black Metal» weiter, wo er mit seinem Erstling «The Redeemer» aufgehört hat. Gewichen ist allerdings der cineastische Bombast. Nur das Streichersample des Openers «Lush» wirft noch einen kurzen Blick zurück auf das Vorgängeralbum. Blunt hat offenkundig im Backkatalog seines neuen Labels Rough Trade gewühlt. Die klirrenden, hallenden Gitarren, die trockenen Drumcomputer und der sirenenhafte Gesang von Partnerin Joanne Robinson erinnern zuweilen an die Cocteau Twins, wären da nicht Blunts ruhiger Sprechgesang oder gar mal ein Saxofon. Auch The Pastels werden gesampelt. Über alles breitet sich eine bisher ungehörte Melancholie.

Dean Blunt tritt mit Anika, Triptykon und weiteren am Saint-Ghetto-Festival in der Berner Dampfzentrale auf. Hier ist auch tatsächlich Metal zu hören: Hinter Triptykon steht kein anderer als Tom G. Warrior, der mit Hellhammer und Celtic Frost das Black-Metal-Genre begründete.

«Saint Ghetto 2014» in: Bern Dampfzentrale, 
Fr/Sa, 21./22. November 2014. www.dampfzentrale.ch

Georg Gatsas

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