Nr. 09/2015 vom 26.02.2015

Theater

Humankapital im Delirium

Du musst spontan sein und diszipliniert. Du musst fit sein und geniessen können. Du sollst exzentrisch sein, aber nicht zu sehr auffallen. Du musst schnell, schneller, am schnellsten sein, aber auch deine Freizeit nutzen. Du musst 400 Facebook-Freunde, 100 gute Bekannte, 10 enge FreundInnen und genügend Likes pro Tag sammeln, um interessant zu sein. Du musst gepflegt sein und «undone». Bring Leistung und Sexiness und biologischen Nudelsalat mit an den Tisch. Und du bist dabei – einschätzbar und flexibel. Und wehe, wenn du nicht dabei sein kannst – nicht verwertbar, nicht vermarktbar, randständig, behindert: Ausschussware.

In «Human Resources», einer Koproduktion von Kraut_produktion, Theater Hora und dem Fabriktheater Rote Fabrik Zürich, werden die vielfältigen Banner der Nichtassimilierten hochgehalten. Das optimierte, differenzierbare Humankapital wird als langweiligste aller Existenzmöglichkeiten entlarvt und das nicht ökonomische Outsidertum zelebriert.

Anfang März feiert dieses «Gemeinschaftsdelirium» Premiere, und du musst nur eines tun: dabei sein!

«Human Resources» in: Zürich Fabriktheater 
Rote Fabrik, Di, 3. März 2015, Do–Sa, 5.–7. März 2015, 
und Di–Do, 10.–13. März 2015, jeweils 20 Uhr.

Stephanie Danner

Film

Wundersamer Aladin

«Aladin – Weg ins Paradies» – der Titel des Films von Simon Bischoff enthält gleich zwei Reizwörter des Orientalismus. Da ist die exotisch wundersame Gestalt von Aladin und dann der Weg in den Westen als Paradies. Bischoffs Film zeigt eine «Initiationsgeschichte» zwischen einem marokkanischen Strassenjungen und einem europäischen Schriftsteller. Nach der Fertigstellung entzündete sich 2013 eine Kontroverse, weil das Fernsehen SRF als Koproduzent den Film nicht ausstrahlen wollte und er auch nicht an die Solothurner Filmtage eingeladen wurde. Begründet wurde das mit mangelnder Qualität; der Regisseur und einige Kulturschaffende witterten dagegen Homophobie. Wer will, kann sich jetzt in Olten selbst ein Urteil bilden.

«Aladin – Weg ins Paradies» in: Olten Kino Lichtspiele, Klosterplatz 20, Do, 5. März 2015, 20.30 Uhr. Anwesend werden auch der Regisseur Simon Bischoff und der marokkanische Hauptdarsteller Abdessamad Achouba sein.

Stefan Howald

Lesung

Büroklammern und Spätfolgen

Gelegentlich soll noch die Bezeichnung «Seelenklempner» für PsychologInnen fallen. Der Psychoanalytiker Mario Gmür (siehe WOZ Nr. 33/2014) hat jetzt den Spiess, oder das Werkzeug, umgedreht und uns PatientInnen und NichtpatientInnen auf die Finger geschaut, wie wir denn Büroklammern in unseren Händen drehen und verbiegen und malträtieren. Entstanden ist so das «weltweit erste Buch über Büroklammern», das mit einem «eigens entwickelten Persönlichkeitstest» Einblicke in die Abgründe unseres schamlosen Umgangs mit der unschuldigen Technik ermöglicht.

In politische Abgründe blickt dagegen der neuste Krimi von Wolfgang Bortlik. Fussball und Kriminalfälle, Gedichte, Romane und Sachbücher: Bortlik ist ein vielfältiger und produktiver Autor. «Spätfolgen» führt zurück in eine beinahe heroische Epoche der schweizerischen Anti-AKW-Bewegung, nach Gösgen in den siebziger Jahren, zum Widerstand und den Folgen. Ein Journalist kommt vor, wie das in diesem Genre schon beinahe zum guten Ton gehört, aber sonst wird originell gemordet.

Mario Gmür, «Büroklammern verbiegen» in: 
Zürich Katz Contemporary, Talstrasse 83, 
Mi, 4. März 2015, 18 Uhr.

Wolfgang Bortlik, «Spätfolgen» in: Zürich Paranoia City Buch & Wein, Ankerstrasse 12, Mi, 4. März 2015, 
19 Uhr.

Stefan Howald

Buchmesse

Insekten aus Surinam

Eine Erstausgabe von James Joyce’ «Ulysses» aus dem Jahr 1922 ist für 30 000 Franken erhältlich. Mehr als doppelt so viel, nämlich 70 000 Franken, müsste man für Maria Sibylla Merians «Histoire générale des insectes de Surinam et de toute l’Europe» aus dem Jahr 1771 bezahlen. Die zwei Bände der deutsch-schweizerischen Naturforscherin und Künstlerin enthalten allerdings auch mehr als 250 Kupfertafeln.

Man kommt anlässlich der Zürcher Antiquariats-Messe nicht darum herum, Preise zu nennen. Denn hier sind Bücher Waren. Aber sie sind zugleich das vielfältige Andere: haptische Erfahrungen, Gefühlsstürme, philosophische Welten. Im Angesicht solcher Schätze ist ein existenzielles Schaudern durchaus angemessen. Und es werden auch billigere Bücher als «Ulysses» oder die «Insekten von Surinam» ausgestellt.

Antiquariats-Messe Zürich in: Zürich Kunsthaus, Vortragssaal, Fr, 27. Februar 2015, 15–20 Uhr, 
Sa, 28. Februar 2015, 11–18 Uhr, So, 1. März 2015, 11–17 Uhr.

Stefan Howald

Ausstellung

Nicht so glücklich

Mehr als ein Vierteljahrhundert liegt sie zurück, die rumänische Revolution, die ihren symbolischen Höhepunkt am 25. Dezember 1989 mit der vor laufender Kamera vollzogenen Hinrichtung des Diktators Nicolae Ceausescu und seiner Frau Elena erreichte. Seither ist, mit der Wende und dem EU-Beitritt Rumäniens 2007, viel geschehen – und auch wieder nicht.

Die Kunsthalle Winterthur zeigt in ihrer aktuellen, von Olga Stefan konzipierten Ausstellung, wie sich rumänische KünstlerInnen einer jüngeren Generation mit der gesellschaftspolitischen Realität ihrer Heimat auseinandersetzen. Die Arbeiten widmen sich dem angespannten politischen Klima, der ambivalenten Geschichte sowie den sozialen Problemen eines Lands, das zwischen Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsträumen um eine eigene Identität kämpft.

«Few Were Happy with Their Condition» in: Winterthur Kunsthalle. Bis 6. April 2015.

Stephanie Danner

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