Nr. 10/2015 vom 05.03.2015

Aphrodisiakum Adorno

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Früher war alles besser, finden ja viele. Die jungen Leute waren – je nach Weltbild – höflicher oder aufmüpfiger, die Musik besser und die Erotik lustvoller. Meistens verdankt sich diese Einschätzung einem mildtätigen Schleier, der sich auf die Erinnerungen gesenkt hat. Doch darunter wartet manchmal eine Überraschung. So sagte kürzlich im «Tages-Anzeiger» ein Paartherapeut: «In den siebziger Jahren, als ich jung war, beeindruckte man die Frauen weder mit Fussballkünsten noch mit Muskelbergen, sondern mit Diskussionen über Marcuse und Adorno.» Oh, là, là – «die» Frauen? Da war wohl ein linker Weichzeichner am Werk. Soweit ich es erinnere, beschäftigte auch in jenen Jahren den überwiegenden Teil der Jugend alles andere als die politphilosophischen Schriften unserer grossen Vordenker.

Doch Theodor Adorno gilt offenbar weitherum als Metapher für intelligente Erotik, denn vor einigen Jahren äusserte der Schauspieler Moritz Bleibtreu in «Zeit Campus»: «In den siebziger Jahren hat man die Frauen bekommen, weil man über Adorno geredet hat, das funktioniert heute nicht mehr. Ich wünsche mir, dass es wieder cool wird, schlau zu sein.» Bleibtreu wurde 1971 geboren. Wahrscheinlich hat ihm das seine gescheite Mutter beigebracht. Aber es wäre ja wirklich megacool, wenn endlich alle Lust hätten, schlau zu sein!

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