Nr. 10/2015 vom 05.03.2015

Die enttäuschte Retterin

Von Brigitte Matern

Sie besass eine solide Ausbildung als Krankenschwester und wollte mit anpacken – deshalb hatte sie sich ja für den Freiwilligeneinsatz in Südfrankreich gemeldet. Doch dass sie hier aus dem Stand die Leitung eines Kinderheims übernehmen sollte, jagte der Dreissigjährigen einen ziemlichen Schrecken ein. Der Zentralsekretär der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder (SAK), Rodolfo Olgiati, hatte sich zuvor jedoch über die 1911 in Glarus geborene Kondukteurstochter erkundigt. Sie beherrschte drei Sprachen, hatte medizinischen Sachverstand und verfügte über Auslandserfahrung (unter anderem war sie zwei Jahre bei Albert Schweitzer in Gabun gewesen). Und so schickte man sie 1941 in die SAK-Kinderkolonie La Hille bei Toulouse. Im alten Schloss, in dem es weder Strom noch Heizung gab, lebten rund hundert jüdische Flüchtlingskinder aus Deutschland, Österreich und Polen, die sie nun zu verpflegen, zu kleiden und zu schützen hatte.

Als im August 1942 Nazideutschland die Deportation der im Süden Frankreichs lebenden Juden und Jüdinnen über sechzehn Jahre anordnete, schaffte sie es, die bereits in ein Sammellager verschleppten 45 Jugendlichen nach La Hille zurückzubringen. Ihre verzweifelten Appelle, die gefährdeten Schützlinge in die Schweiz zu holen, liefen jedoch ins Leere: Die SAK, inzwischen dem Schweizerischen Roten Kreuz angegliedert und dem Militär unterstellt, war von der Flüchtlingspolitik des Bundesrats abhängig – dort meinte man, angesichts der «Überbevölkerung» ein «Judenproblem» in der Schweiz verhindern und die Grenzen schliessen zu müssen. Die Heimleiterin stattete die Kinder und Jugendlichen mit Geld aus und liess sie von FluchthelferInnen über die Schweizer Grenze in Sicherheit bringen. Als eine dieser Aktionen aufflog, verlor sie, längst desillusioniert von der humanitären Schweiz, ihren Job.

Sie war noch eine Weile in der Flüchtlingshilfe tätig – unter anderem als stellvertretende Leiterin des Zentrums Henri Dunant in Genf –, dann zog sie mit einer Freundin nach Dänemark und betrieb dort einen Bauernhof.

Wer war die von Israel als «Gerechte unter den Völkern» geehrte und 1996 in Glarus verstorbene Krankenschwester, die ihre Fluchthilfe nicht als Akt des Widerstands, sondern als reine Verzweiflungstat wertete?

Wir fragten nach der Glarner Krankenschwester und Fluchthelferin Rösli Näf 
(1911–1996). Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder war 1940 aus der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Spanienkinder entstanden. 1942 ging sie in die 
Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes über. Deren Exekutivkomitee präsidierte Oberst Hugo Remund, der sich nach Näfs Fluchthilfe umgehend in Berlin für die «bedauerlichen 
Vorfälle» entschuldigte. Weitere Porträts in: Helena Kanyar Becker (Hrsg.): «Vergessene Frauen. 
Humanitäre Kinderhilfe und offizielle Flüchtlingspolitik 1917–1948». Schwabe Verlag. Basel 2010. 282 Seiten. 48 Franken.

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