Kultour :

Nr. 12 -

Festival

Fribourg

«Ich hatte nie das Gefühl, dass ich jemanden im Kino sehe, den ich kenne», sagte die Filmemacherin Sydney Freeland vor kurzem in einem Interview. Die heute 34-jährige US-amerikanische Regisseurin gehört der indigenen Gruppe der Navajos an. Seit der Erfindung der bewegten Bilder werden im Kino Bilder von «IndianerInnen» reproduziert, die auf Vorurteilen und falschen Stereotypen basieren. Dem halten nun seit mehreren Jahren verschiedene indigene FilmemacherInnen entgegen und erzählen ihre Geschichten aus eigener Perspektive.

«Terra incognita: Nordamerikanisches indigenes Kino» heisst eine Programmsektion des Internationalen Filmfestivals Fribourg, das vom Samstag, 21., bis Samstag, 28. März, stattfindet. Filme wie die Selbstfindungskomödie «Smoke Signals» (1998) von Chris Eyre, «Hi-Ho Mistahey!» (2013) und «Kanehsatake: 270 Years of Resistance» (1993) von Alanis Obomsawin oder «Drunktown’s Finest» (2014) von Sydney Freeland behandeln Themen wie die Umsiedlung der UreinwohnerInnen, eine Vater-Sohn-Beziehung oder Transsexualität und vermitteln ein etwas anderes Bild der indigenen NordamerikanerInnen, als es die klassischen Western über Jahrzehnte getan haben.

Neben dem internationalen Wettbewerb, in dem zwölf Filme aus dreizehn Ländern um den Hauptpreis buhlen, ist ein weiterer Schwerpunkt das syrische Kino, in dem sich der Krieg und seine Folgen spiegeln. Das Programm hat der syrische Filmemacher und Flüchtling Ossama Mohammed zusammengestellt.

Mit der Programmschiene «Können Sie über alles lachen?» steht ein hochaktuelles Thema im Zentrum: die Beziehung des Westens zum Islam. Und die Reihe «Terra Erotica I» erkundet das Erotikkino der Gegenwart. Schade nur, dass von den zehn Filmen gerade mal zwei von einer Frau stammen.

Internationales Filmfestival Fribourg in: Fribourg verschiedene Orte; Festivalzentrum: Ancienne Gare. Sa–Sa, 21.–28. März 2015. www.fiff.ch

Silvia Süess

Film

Savoldelli Reloaded

Da will das Schweizer Fernsehen junge Kinotalente fördern und macht dafür 300 000 Franken locker. Eine hochkarätige Jury wird einberufen, und von zehn eingegangenen Ideen werden tatsächlich die beiden radikalsten umgesetzt. Das ist nicht etwa eine abartige förderpolitische Fantasie fern jeder Realität, sondern Geschichte, wie der Filmhistoriker Thomas Schärer in seinem Buch «Zwischen Gotthelf und Godard» zeigt. «Aktion Jungfilmer» hiess dieses einmalige Engagement des Fernsehens für die freie Filmszene, und eine der beiden Früchte dieser Aktion war «Stella da Falla» (1971), der erste Langfilm von Reto Andrea Savoldelli – es sollte auch sein einziger bleiben.

Savoldelli hatte selbst Wim Wenders ins Schwärmen gebracht, als er zwei Jahre zuvor, noch als Gymnasiast, mit seinem mittellangen Filmgedicht «Lydia» in Solothurn debütierte. Sogar der «Blick» feierte den Teenager damals als Hoffnungsträger. In seiner psychedelischen Gralssuche «Stella da Falla» spielte Savoldelli dann einen Pilgerer zwischen den Zeiten, und der 21-Jährige schaffte es damit gleich in den internationalen Wettbewerb von Locarno. Doch von der Kritik, die ihn davor noch als Wunderkind gepriesen hatte, wurde Savoldelli nun gekreuzigt, und im Buch «Film in der Schweiz» (1984) wurde das Werk später als «narzisstische Selbstbespiegelung eines bis dahin stark überschätzten Pseudogenies» abgekanzelt. Für sein Folgeprojekt fand Savoldelli keine Unterstützung mehr, der Jungfilmer verabschiedete sich in die Anthroposophie.

Vorletztes Jahr ist Savoldellis Roman «Hieronymus» erschienen, und nun hat der 65-Jährige seinen ersten und bislang letzten Kinofilm restauriert und überarbeitet. Das Stadtkino Basel zeigt die Hippiefantasie «Stella da Falla» im Director’s Cut, bevor der Film zusammen mit «Lydia» auf DVD erscheint.

«Stella da Falla» in: Basel Stadtkino, 
Sa, 21. März 2015, 15.15 Uhr; Mi, 25. März 2015, 21 Uhr; 
So, 29. März 2015, 13.30 Uhr. www.stadtkino.ch

Florian Keller

Ein Abend mit Lucienne Lanaz

Gemeinsam mit der grossartigen Lucienne Lanaz Znacht essen, ihre Filme ansehen und diskutieren? Kein Problem!

Die ursprünglich aus Zürich stammende und in der Deutschschweiz empörend wenig rezipierte Filmemacherin widmet sich in ihren Werken den grossen und kleinen Geschichten im Leben, die allzu oft unerzählt bleiben. Nicht selten geht es um die Schicksale Einzelner, um grosse Rückschläge in ihrem Dasein und um den Mut und die Courage, trotzdem weiterzumachen. Dabei führt sie ihrem Publikum vor Augen, wo man überall Aussergewöhnliches und Interessantes entdecken kann, wenn man diese nur weit genug öffnet. Die 1937 geborene Lanaz beweist sich immer wieder als Künstlerin, die nicht nur mit der Kamera draufhält, sondern auf eine sehr spezielle Weise «sieht», was sie da sieht und das ihrem Publikum mit ihrer unaufgeregten formalen Bildsprache meisterhaft zu vermitteln weiss.

In «Spätes Glück» von 1974 etwa dürfen die ZuschauerInnen miterleben, was Liebe auf den ersten Blick für eine Siebzigjährige bedeutet. «Queen of Elastic» (1987) zeigt, wie sich die Variétékünstlerin Lorna Chester nach zahlreichen persönlichen Katastrophen in ein neues Leben kämpft. Diese und eine Auswahl weiterer Filme können nun bei einer Filmwerkschau an zwei Abenden in Zürich genossen und diskutiert werden. Da wir nicht wissen, wer für das Znacht verantwortlich sein wird, können wir keine kulinarischen Versprechungen machen, aber Lucienne Lanaz wird da sein und ihre Filme ebenso – und das ist schon mehr als genug!

Filmwerkschau Lucienne Lanaz in: Zürich Frauen*Zentrum, Mattengasse 27, So, 22. März 2015, 
ab 17 Uhr; Cinema Limone, Bachmattstrasse 59, 
Mo, 23. März 2015, ab 19 Uhr. Beide Abende in Anwesenheit der Regisseurin und mit Znacht. 
www.fraum.ch, www.jura-films.ch

Stephanie Danner

Ausstellung

Bildmaschine

Zwei Bildmaschinen sind in der Ausstellung «Diese Bilder müssen Sie gehört haben» des Zürcher Künstlers Tullio Zanovello zu sehen. Darunter muss man sich Folgendes vorstellen: Zanovello erweitert die Form des Triptychons, eines dreigeteilten Gemäldes, dessen Teile oft mit Scharnieren zum Auf- und Zuklappen verbunden sind. Daraus entwickelt der Maler und Komponist mithilfe von Elektrotechnik eine monumentale Bildmaschine, die sich etappenweise vor dem Auge des Publikums entfaltet.

Zu der maschinellen Bildöffnung erklingt vom Künstler komponierte Musik, die von der Harmonie Schlieren unter der Leitung von Tobias Zwyer live vorgetragen wird. Alles klar? Nein? Dann ab nach Dietikon in die Reppischhallen. Neben den Bildmaschinen sind auch weitere Bilder von Zanovello ausgestellt.

«Diese Bilder müssen Sie gehört haben» – Tullio Zanovello und die Harmonie Schlieren in: Dietikon Reppischhallen. Vernissage: Do, 19. März 2015, 19 Uhr. Ausstellung bis 2. April 2015. www.reppischhallen.ch

Silvia Süess

Lasst uns prosumieren!

So richtig neu ist es nicht, dieses Konzept. Als ProsumentInnen bezeichnet man jene, die KonsumentInnen, aber gleichzeitig auch ProduzentInnen einer Sache sind. Eingedeutscht hat sich der Begriff im Zusammenhang mit nutzergenerierten Inhalten im Web. Mittlerweile wird er allerdings auch für tatsächliche Inhalte des täglichen Lebens verwendet. Nun könnte einem der Verdacht kommen, dass dieser Neologismus einfach nur eine trendige Bezeichnung für etwas ist, das schon seit Jahrtausenden betrieben wird – man denke beispielsweise an die doch schon etwas ältere Kunst des Ackerbaus. Aber wo eine Bezeichnung für eine «neue» Gruppe scheinbar aus dem Nichts auftaucht, kann man dahinter zumindest eine Neuerung erahnen: einen Markt. Wir wollen löblicherweise selbst Energie erzeugen, unser Biogemüse ziehen und selbstredend unserer Einrichtung diesen gewissen personalisierten Glanz von «Hab ich selbst gemacht» verleihen. Und ja, der Markt steht gekämmt, gebürstet und gestriegelt in den Startlöchern. Aber eines müssen wir ProsumentInnen uns trotzdem eingestehen: Es macht uns riesigen Spass.

Das Museum für Gestaltung wird allen, die sich jetzt angesprochen fühlen, mit seiner Ausstellung «Do It Yourself Design» viel Freude bereiten: Die Beleuchtung des Do-it-yourself-Phänomens führt in der Ausstellung zur Frage nach dessen Einfluss auf den Designprozess. Es gibt Workshops, Ausstellungsgespräche und vieles mehr. Ausserdem kann sich die motivierte Besucherin in einer offenen Werkstatt an allerlei Selbst-gemacht-Souvenirs versuchen – Museumsshop war eben gestern.

«Do It Yourself Design» in: Zürich Museum 
für Gestaltung, Schaudepot, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96. Vernissage: Do, 19. März 2015, 19 Uhr. Ausstellung bis 31. Mai 2015. 
www.museum-gestaltung.ch

Stephanie Danner