Nr. 13/2015 vom 26.03.2015

Reduktion auf das Notwendigste

Von Jochen Kelter

Beinahe alles ist Reduktion in diesen Gedichten: Stehen, Gehen, Weg, Wald, unbestimmte Natur, nie aber in voller Blüte, überbordend, exotisch gar. Das Gehen, der Weg als Ziel: «Wenn ich lange genug / gegangen bin, / denke ich manchmal, / dass jetzt auch / ich / gehe.» Unterwegs nur karge Zeichen von Lebensregungen wie Bewegung oder Laut: «Ein Glockenton sondert sich ab, / bleibt einsam / in der Luft hängen. // Das einzige / Wort.»

Kurt Aebli hat seit den neunziger Jahren Gedichte publiziert; sein jüngster Band erschien Ende des letzten Jahres. Nach der Lektüre der drei ersten Abteilungen der sechs Kapitel beschleicht einen die Vermutung, hier sei ein lyrisches Ich stellvertretend für die hinter ihm stehende Person auf der Flucht, begreife das Gehen und die Natur als Fluchtbewegung und Fluchtpunkt: «Dass ich einmal / das ganze Leben / im Wald gelebt haben muss, / daran erinnert im Wald mich / jeder Schritt.» Auch diese Zeilen mögen den poetologischen Verdacht belegen: «Um einen Ort zu haben, / wo das Gehen / an kein Ende kam, /ziellos gegangen / Jahr um Jahr, / weil das Gehen, / wie es mit mir ging, / das Ende war, der Sinn.»

Bevor man indessen endgültig dem Verdacht auf poetischen Autismus nachgeben könnte, stösst man dann auf Verse wie diesen: «Vergleichbar / der Erfindung einer Farbe, die es / noch nicht gibt». Und begreift, dass alle Anstrengung des Lyrikers Kurt Aebli der Reduktion gilt, der Beschränkung auf das Notwendige, soweit es in Worte zu fassen ist, dass er die Wörter, den Sprachschwall, der täglich auf uns einstürzt, das uneigentliche Sprechen von notwendiger Sprache zu trennen und zu befreien sucht. Das gelingt allein in der Kunstsprache des Gedichts: «Kein Wort fasst / die Fülle / des Augenblicks. // Nur davon / spricht / das Wort. // Nur das Wort, das davon spricht, / hat seine Sprache / gefunden.»

Es geht also auch um das Verhältnis von Sprache zur Wirklichkeit, ein altes philosophisches Problem. Aebli löst es, wenngleich nicht in dogmatischer Unbedingtheit, für sich zugunsten der Sprache und spricht damit wahrscheinlich so manchen PoetInnen aus dem Herzen: «Dinge, die erst wirklich / sind / wenn einer / das Wort dafür findet.»

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