Kultour :

Nr. 16 -

Festival

Visions du Réel in Nyon

Wer hat im Hinblick aufs Kino von der «Ejakulationskraft des Auges» geschrieben? War das Luis Buñuel oder Lars von Trier? Beides falsch. Es war Robert Bresson, der grosse, stille und gar nicht schlüpfrige Poet des Wahrhaftigen im französischen Kino. Ihn beschwört Luciano Barisone mit diesem Zitat gleichsam als geistigen Patron für sein fünftes Jahr als Direktor der Visions du Réel, des Festivals für Dokumentarfilme in Nyon. Die Schönheit des Kinos lag für Bresson eben nicht in den Bildern selbst, sondern im Unaussprechlichen, das ihnen entströmt: «Die rohe Wirklichkeit ergibt alleine nicht das Wahre.»

Da trifft sich Bressons künstlerische Haltung wirklich sehr schön mit dem Selbstverständnis eines Festivals, für das die Wahrheit des Dokumentarischen von jeher untrennbar mit dem Visionären der Kunst verknüpft ist. Wie man sich allerdings so ein ejakulierendes Auge vorstellen müsste, das wollen wir uns jetzt lieber nicht so genau ausmalen. Das gewählte Bild scheint sowieso etwas irreführend, schliesslich steht die diesjährige Ausgabe des Festivals laut Barisone vor allem auch im Zeichen der Frauen. Nicht nur, dass unter den 166 Filmen aus 54 Ländern etliche Porträts von aussergewöhnlichen Frauen zu entdecken sind: Frauen, die Widerstand oder Pionierarbeit leisten, Frauen, die Kunst schaffen oder Hoffnung stiften. Auch hinter der Kamera weisen die Visions du Réel eine Quote auf, von der andere Festivals nicht einmal zu träumen wagen: Vierzig Prozent der ausgewählten Filmschaffenden sind Frauen.

Nur bei den Ehrengästen sucht man sie vergeblich: Als «Maître du Réel» wird Barbet Schroeder («L’Avocat de la Terreur») für sein Lebenswerk geehrt, die beiden Ateliers sind dem Franzosen Vincent Dieutre und dem Armenier Harutyun Khachatryan gewidmet. Ein besonderer Schwerpunkt gilt dem diesjährigen Gastland Georgien, und für den längsten Filmtitel unter den 83 Weltpremieren ist übrigens der Schweizer Regisseur Stefan Schwietert («Heimatklänge») besorgt, der im internationalen Wettbewerb seinen neusten Film zeigt: «Imagine Waking Up Tomorrow and All Music Has Disappeared». Frei nach Bresson fragt sich da natürlich: Gibt es auch eine Ejakulationskraft der Ohren?

Visions du Réel in: Nyon diverse Orte, 
Fr, 17. April 2015, bis Sa, 25. April 2015. 
www.visionsdureel.ch

Florian Keller

Konzert

Kate Tempest in Fribourg

So eindringlich klang die Musik aus Britannien schon lange nicht mehr: Plötzlich waren sie da, die furiosen Stimmen, die über die prekarisierten Zustände im Mutterland des Kapitalismus berichteten. Allen voran die Punk-Rap-Proleten Sleaford Mods, die sich über den Dracula-Premier an der Spitze genauso ärgern wie über den Rechtsextremen von nebenan. Und die an ihren Konzerten auch in der Schweiz zeigten, dass sie sich nicht von der kalten Wut treiben lassen, sondern künstlerisch überlegt und umso wirkungsvoller vorgehen.

Eine andere Stimme, die man so rasch nicht mehr aus dem Ohr bringt, ist die von Kate Tempest. Das liegt am Cockney-Dialekt, in dem sie ihre Texte rappt, diesem leicht verschleppten Singsang, bei dem man stets auf die nächste Wendung wartet. Das liegt aber auch hier an der politischen Eindringlichkeit. Der Künstlername Tempest kann durchaus als Programm verstanden werden. Frau Sturm berichtet von Pete, Becky und David und all den anderen jungen Leuten, die im Spätkapitalismus durch den Wind sind: auf der Suche nach dem nächsten Job und der nächsten Beziehung, nach etwas Sinn in einer als leer empfundenen Gegenwart. Die Beats reihen sich auf «Everybody Down» musikalisch so locker aneinander, wie der 29-Jährigen auch sonst vieles nebeneinander gelingt. Sie rappt nicht nur, sondern schreibt auch Gedichte, Romane, Theaterstücke.

Eben ist ihr zweiter Gedichtband «Hold Your Own» erschienen. In London wars ein Ereignis: Mehr als tausend Leute strömten hin, als Tempest ihre Gedichte präsentierte. Ausgehend vom griechischen Mythenwesen Tereisas, das sein Geschlecht wandeln kann, beschäftigt sich Tempest mit der Frage, warum eine Handlung als typisch männlich oder weiblich gilt. Nach Fribourg ins Fri-Son kommt sie aber wieder mit den Beats im Rücken.

Kate Tempest in: Fribourg Fri-Son, 
Do, 16. April 2015, 20 Uhr. www.fri-son.ch

Kaspar Surber

Lesung

Poetry Slam im Schiffbau

Bis zur Heiserkeit und noch viel weiter … Nein, wir dürfen gut geölte Stimmen erwarten, wenn bei der sechsten Schweizer Meisterschaft im Poetry Slam die schnellsten, die kühnsten, die sprudelndsten Talente in den Ring steigen und es heisst: Let’s get ready to slam! Immerhin ist der traditionelle Preis für einen gewonnenen Poetry Slam ja auch eine Flasche Whisky.

Trunken vor Glück dürfte aber vor allem das Publikum sein, wenn ihm in den Kategorien U20, Team und Einzel eine fantastische Hirngeburt nach der anderen um die Ohren purzelt. Diese wortbesoffene, im besten Fall poetisch grölende Menge darf dann auch noch, wie es sich halt gehört, die SiegerInnen küren. Seit 2010 redet sich die Schweizer «Slamily» jährlich in einer anderen Stadt um Stimmband und Zungenbein und zieht dem klassischen Gedichtvortrag mit vollem Körpereinsatz den Stock aus dem Allerwertesten. Und wie in den Jahren zuvor fährt die Meisterschaft auch noch mit einigen Schmankerln der Redekunst im Rahmenprogramm auf.

Man darf also mit Grossem rechnen, wenn die besten SlampoetInnen des Jahres aufeinander- und ihre Worte gegeneinanderprallen. Deshalb: Raus aus dem Morgenmantel, rein in die Schuhe, ab in den Schiffbau und Ohren auf!

Schweizer Meisterschaften in Poetry Slam in: Zürich Schiffbau, Do–Sa, 16.–18. April 2015. 
www.slamzuerich.ch

Stephanie Danner

Podium

Daniela Dahn in Zürich

Die Verhandlungen finden hinter geschlossenen Türen statt: Das Tisa-Abkommen (Trade in Services Agreement zwischen der EU und den USA) will unter anderem öffentliche Dienstleistungen privatisieren: Die Wasserversorgung, den Nahverkehr, das Gesundheitswesen. Und eine einmal erfolgte Privatisierung soll nie mehr rückgängig gemacht werden können. Tisa ist ein hochaktuelles und beängstigendes Beispiel dafür, wie die Politik immer mehr von der Wirtschaft geleitet wird (siehe WOZ Nr. 15/2015 ).

Wie gewinnt die Politik wieder das Primat vor der Wirtschaft? Um diese Frage geht es an der Veranstaltung «Wir sind das Volk – genügt das?» in der Buchhandlung im Zürcher Volkshaus, an der Willy Spieler, langjähriger Redaktionsleiter von «Neue Wege», mit der deutschen Journalistin Daniela Dahn diskutiert.

Dahn kritisiert in ihrem 2013 erschienenen Buch «Wir sind der Staat! Warum Volk sein nicht genügt» den Ausschluss vieler BürgerInnen von zentralen politischen Entscheidungsprozessen. Da aktuell sämtlicher Besitz, auch der Staatsbesitz, juristisch als Privatbesitz klassifiziert werde, seien viele Menschen besitzlos, was dazu führe, dass sie keinen Einfluss auf die Politik hätten. Denn: «Wo kein Haben ist, da ist kein Sagen.» Dahn skizziert Vorschläge, wie eine politische Gesellschaft anders funktionieren könnte. «Wer glaubt noch an die Kraft der Demokratie? Welche Rechte bleiben in der Demokratie auf der Strecke? Wer setzt in der Demokratie den Banken und Konzernen Grenzen?» Das sind nur einige der Fragen, die sie mit Willy Spieler diskutiert.

«Wir sind das Volk – genügt das?» in: 
Zürich Buchhandlung im Volkshaus, Di, 21. April 2015, 19.30 Uhr. www.volkshausbuch.ch

Silvia Süess