Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Die ignorierte Raumplanerin

Von Brigitte Matern

Die Anklage lautete auf Hochverrat, alle rechneten mit ihrem Tod. Ein Wärter tröstete sie sogar, dass sie das Gefängnisleben ohnehin nicht mehr lange aushalten würde – Enthauptung sei da schon besser, das gehe nur sieben Sekunden. Doch der Zweite Senat des Berliner Volksgerichtshofs, der am 22. September 1942 im Wiener Landesgericht tagte, liess die 45-Jährige am Leben. Zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt, wurde sie im April 1945 von US-Truppen aus einem bayerischen Gefängnis befreit.

Die 1897 in Wien geborene Beamtentochter war bis zur NS-Zeit die bekannteste Architektin Österreichs. Sie hatte an der Kaiserlich-Königlichen Kunstgewerbeschule studiert und nach dem Krieg in der von Wohnungsnot geplagten Hauptstadt eine grosse Aufgabe gefunden. Fasziniert von den Ideen des modernen Bauens – Licht und Luft und Funktionalität bis zum letzten Millimeter –, entwarf sie Siedlungshäuser und erschwingliche Mietwohnungen für ArbeiterInnen, unter anderem den Winarskyhof, eine der grossen Kommunalbauten des damals sozialdemokratisch regierten Wien.

1926 bat man die Planerin, die sich an den Bedürfnissen der Unterschicht orientierte, um Mithilfe beim Stadterneuerungsprogramm in Frankfurt; danach konzipierte sie in der Sowjetunion Bildungseinrichtungen für Industriestädte wie Magnitogorsk, bereiste Japan und China, hielt Vorträge. Die Nachricht von der Annexion Österreichs erreichte sie 1938 in Istanbul, wo sie im Auftrag des Erziehungsministeriums an der Akademie der Schönen Künste unterrichtete. Sofort knüpfte sie Kontakte zur verbotenen KPÖ und kehrte 1940 nach Wien zurück, um beim Aufbau des Widerstands zu helfen. Kurz darauf wurde sie verhaftet.

Im Wien der Nachkriegszeit erhielt die Kommunistin, deren Baukompetenzen in Bulgarien, Kuba und China weiterhin geschätzt waren, nur noch selten öffentliche Aufträge. Erst im hohen Alter überhäufte man sie mit Auszeichnungen – das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst wollte sie aber erst entgegennehmen, als der ehemalige Wehrmachtsoffizier Kurt Waldheim nicht mehr Bundespräsident war.

Die mit 103 Jahren verstorbene Präsidentin des Bunds Demokratischer Frauen und Mitbegründerin des Österreichischen Friedensrats sagte über eines ihrer Werke, die sogenannte Frankfurter Küche: «Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur davon reden, hätte ich dieses verdammte Ding nie gebaut!» Wie heisst die Frau?

Wir fragten nach der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000). Das «verdammte Ding», die sogenannte Frankfurter Küche, war ein Prototyp der modernen Einbauküche. Warum Schütte-Lihotzky 1942 nicht zum Tod verurteilt wurde, beschreibt sie in ihrem Buch «Erinnerungen aus dem Widerstand. Das kämpferische Leben einer Architektin von 1938–1945» (Promedia Verlag, Wien 2014). Demnach hatte dem Volksgerichtshof ein Schreiben vorgelegen, in dem das türkische Erziehungsministerium der ehemaligen Mitarbeiterin einen Arbeitsvertrag anbot. Da die Nazis damals noch hofften, die Türkei werde auf ihrer Seite in den Krieg eintreten, verzichtete man lieber auf die Verhängung der Todesstrafe. Das Schreiben war eine Fälschung. Posthum erschien ihr Werk «Warum ich Architektin wurde» (Residenz Verlag, Wien 2004). In Wien sind in verschiedenen Bezirken ein Park, ein Hof und eine Strasse nach ihr benannt; auch Frankfurt hat sie kürzlich mit der Benennung einer Grünanlage gewürdigt.

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