Nr. 23/2015 vom 04.06.2015

Die kaltgestellte Chemikerin

Von Brigitte Matern

«Was er in diesen acht Jahren gewonnen hat, das – und mehr – habe ich verloren, und was von mir eben übrig ist, erfüllt mich selbst mit tiefster Unzufriedenheit», schrieb sie 1909 über ihren Mann. Dabei war sie einmal so neugierig auf das Leben gewesen: Es sei nur wert, gelebt zu werden, «wenn man all seine Fähigkeiten zur Höhe entwickelt und möglichst alles durchlebt habe», auch die Ehe. Doch sie war zur falschen Zeit geboren und hatte sich – wohl vor allem – den falschen Partner ausgesucht.

An Geld hatte es nicht gemangelt, als das hochbegabte Kind 1870 im preussischen Breslau zur Welt kam. Der Vater war ein wohlhabender Gutsbesitzer, der auf seinen Feldern erfolgreich mit Kunstdünger experimentierte. Sie besuchte die Höhere-Töchter-Schule, machte Abitur und erstritt sich selbstbewusst den Zugang zum Chemiestudium. Viele Kämpfe hatte sie gegen ihre bornierten Zeitgenossen durchzustehen, bis sie 1900 als erste deutsche Doktorin der Naturwissenschaften promoviert wurde. Ihre Forschungsbeiträge zur Löslichkeit von Schwermetallen, auf denen die Entwicklung von Batterien und Elektroautos basiert, liessen Grosses erwarten.

Dann traf sie ihre Tanzstundenliebe wieder, einen inzwischen zum Professor avancierten Chemiker. 1901 heirateten sie, und als ein Jahr später der Sohn zur Welt kam, schnappte die Falle zu: Um weiter wissenschaftlich tätig zu sein – als Mutter ein gesellschaftlicher Affront –, hätte sie dringend der Unterstützung ihres Mannes bedurft; doch der Ehrgeizling widmete sich lieber seinen Forschungen zur Stickstoffgewinnung. Auf die Rolle der Professorengattin reduziert, konnte sie nur noch Vorträge über «Chemie in Haus und Küche» halten.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte schliesslich zum Familiendesaster. Während er der deutschen Generalität Giftgas als Kampfstoff empfahl und dazu geeignete Verfahren entwickelte, appellierte sie wieder und wieder an seine Verantwortung als Wissenschaftler. Vergeblich. Im Mai 1915, wenige Tage nach dem deutschen Chlorgaseinsatz über den flandrischen Schützengräben, dem Tausende Soldaten zum Opfer fielen, erschoss sich die unglückliche Pazifistin.

Wer war die verhinderte Forscherin, die auf dem Basler Hörnli-Friedhof begraben wurde und deren Name heute für Zivilcourage steht?

Wir fragten nach der deutschen Chemikerin Clara Immerwahr (1870–1915). Die Internationale Vereinigung Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs verleiht seit 1991 die Clara-Immerwahr-Auszeichnung für Zivilcourage. Ihr Mann war Fritz Haber. Der Giftgas- und Zyklon-B-Forscher erhielt 1919 den Chemienobelpreis. Danach versuchte er lange Zeit, aber vergeblich, Gold aus Meerwasser zu extrahieren, damit Deutschland seine Reparationszahlungen begleichen könnte.
Auskunft über Immerwahrs Leben gibt das Buch «Der Fall Clara Immerwahr. Leben für eine humane Wissenschaft» von Gerit Leitner (Beck Verlag, München 1993).

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