Nr. 33/2015 vom 13.08.2015

Konzert

Ought

Die Platte «More Than Any Other Day» der Band Ought entstand mitten in einer Gesellschaftskrise Kanadas. Die vier Zugezogenen aus Australien und den USA hatten 2012 gerade die Uni hinter sich, als die liberale Provinzregierung Quebecs die Studiengebühren innerhalb von sechs Jahren um 1600 Dollar erhöhen wollte. Es kam zum grössten Unistreik in der kanadischen Geschichte. Hunderttausende gingen auf die Strasse. Die Regierung antwortete mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Schallkanonen. Sie verabschiedete ein Gesetz, das Versammlungen von über fünfzig Menschen unter schwere Strafen stellte. Der Protest liess nicht nach. GymnasiastInnen, Eltern und GewerkschafterInnen solidarisierten sich. In den darauffolgenden Wahlen wurde die Regierung abgewählt, die Gebühren wurden vorläufig eingefroren.

«Der Protest betraf uns alle», sagt Ought-Sänger und Gitarrist Tim Beeler gegenüber dem Blog «Quietus». Es wäre verrückt gewesen, als Musiker keine Position zu artikulieren. Die Mitglieder von Arcade Fire, der bekanntesten Band aus Montreal, hefteten sich bei einem TV-Auftritt das Erkennungszeichen der Bewegung – ein rotes Quadrat – an. Ought gingen auf die Strasse und spielten wie besessen Konzerte, ohne je einen physischen Tonträger veröffentlicht zu haben. Als «More Than Any Other Day» zwei Jahre später beim kanadischen Postrock-Label Constellation erschien, ging ein Raunen durch die Musikwelt. Man atmet auf dieser Platte die von Tränengas durchsetzte Luft der Proteste und spürt den Selbstermächtigungsethos des Punk. In den Kritiken wurden Velvet Underground über Sonic Youth bis zu den Feelies als Referenzen ins Spiel gebracht.

«Es geht beim Album um viel Zwischenmenschliches, um das Gefühl von Verbundenheit zu Fremden, die vereinigende Energie der Proteste», so Beeler. In Zürich spielen Ought auch Songs vom neuen Album, «Sun Coming Down», das bald erscheint. Entspannen werden sie sich auch darauf kaum. Oder wie Drummer Tim Keen Oughts Haltung auf den Punkt bringt: «Das Letzte, was wir brauchen, sind weisse Typen, die noch teilnahmsloser werden, als sie es eh schon sind.»

Ought mit Re-Tros (China) in: Zürich Bogen F, 
Mi, 19. August 2015, 21 Uhr.

Timo Posselt

Literatur

Dana Grigorcea

Wie schon ihr Debütroman führt auch das zweite Buch der schweizerisch-rumänischen Schriftstellerin Dana Grigorcea an den Ort ihrer Kindheit. Die Romanfigur Victoria, die Züge Grigorceas aufweist, kehrt von Zürich nach Bukarest zurück. Als Angestellte erlebt Victoria dort einen Banküberfall und wird beurlaubt. Viel Zeit also, um durch die bekannten und doch fremden Strassen Bukarests zu spazieren und dabei die Vergangenheit aufleben zu lassen. In anekdotischen Szenen erzählt Grigorcea die Geschichte ihres Herkunftslands vor und nach dem Sturz Ceausescus, den sie als Zehnjährige miterlebte. Sie fängt die Stimmung jener Tage mit der Auffassungsgabe eines Kindes ein, das mehr versteht, als die Erwachsenen ihm zugestehen.

Für die Lesung aus dem Roman wurde Grigorcea am diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Nun folgt die Buchvernissage im Zürcher Kaufleuten.

Dana Grigorcea in: Zürich Kaufleuten, 
Di, 18. August 2015, 20 Uhr. www.kaufleuten.ch

Rahel Locher

Ausstellung

Hoseyn A. Zadeh

Wenn der Grafiker Hoseyn A. Zadeh schon nicht in der Schweiz arbeiten darf, soll er hier immerhin seine Arbeiten zeigen können. Dies dachten sich FreundInnen des gebürtigen Iraners und organisierten eine Ausstellung in Zürich. Zadeh lebt seit gut drei Jahren in der Ostschweiz und wartet bis heute auf den Asylbescheid. Sein Plakat «The Human Rights Watch» zeigt ein zugleich offenes und geschlossenes Auge – Wegsehen ist bei Menschenrechtsverletzungen einfacher als Hinschauen. Zadehs Plakate und typografische Arbeiten vereinen seine Muttersprache Farsi und Englisch und damit die arabische und die lateinische Schrift. Ebenso bewegt sich die Bildsprache zwischen dem Iran und dem Westen und steht so für einen kulturellen und gestalterischen Dialog, der von der Schweizer Asylpolitik allzu oft verunmöglicht wird.

«Right Aligned» in: Zürich Kassette, Vernissage mit einer Ansprache von Gestalter Roland Stieger am Fr, 14. August 2015, 19.30 Uhr. Ausstellung bis 
Mi, 19. August 2015. www.die-kassette.ch

Rahel Locher

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch