Nr. 38/2015 vom 17.09.2015

Klimawandel im Ozean

Von Stephan Pörtner

In den Untiefen des Meeres herrschte grosse Unzufriedenheit. Die lange Badesaison hatte Abertausende Schleimköpfe und Grundeln, die es satthatten, von Schnorchlern angegafft und angefeixt zu werden, in tiefere Gewässer getrieben. Durch den Kontakt mit den Mittelmeertouristen völlig verroht und verdorben, benahmen sie sich wie der Partypöbel von der Costa Blanca und brachten das von absoluter Stille geprägte Ökosystem mit ihrem unablässigen Feiern nachhaltig ins Wanken. Selbst die Oktopusse schafften es nicht, sich die Ohren zuzuhalten, und sie tauchten ab. Die Einzigen, die davon profitierten, waren gerissene Esoteriker, die den ganzen Radau mit Unterwassermikrofonen aufnahmen und der Welt als Walgesänge andrehten.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Im Dezember 2014 hat die WOZ eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» als Buch herausgegeben. Es ist ebenso wie «Mordgarten» unter www.woz.ch/shop/woz-buecher erhältlich. www.stpoertner.ch