Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

Selektiv erschüttert

Von Karin Hoffsten

Die aktuelle «NZZ am Sonntag» zeigte ein Foto aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg: Tote Soldaten liegen auf dem Schlachtfeld. Weil laut Begleittext Fotos damals noch nicht in der Zeitung abgedruckt werden konnten, zeigte man sie in einer Galerie; die US-BürgerInnen waren erschüttert. Dabei wusste man auch 1863, dass im Krieg gestorben wird.

Ähnlich scheint es den EuropäerInnen jetzt mit dem Foto des toten Knaben Aylan zu gehen. Seit vier Jahren wird medial über den syrischen Bürgerkrieg berichtet, fast genauso lang sehen wir Unmengen Bilder mit zerbombten Strassen und Menschen, die im Mittelmeer Schiffbruch erleiden; Tausende Männer, Frauen und Kinder sind schon ertrunken. Doch trotz der Bilderflut realisieren offenbar viele nicht, dass da echt gestorben wird.

So wurde Aylans Bild zum Symbol fürs Entsetzen. Nun hat «Charlie Hebdo» das Symbol in einer Karikatur verwendet: Unter einem «Zwei Kindermenüs zum Preis von einem»-Schild von McDonald’s und dem Spruch «So nah am Ziel» liegt der tote Aylan. Das weckt bei manchen mehr Empörung, als es die realen Zustände tun. Die Zeichnung sei zynisch. Für mich zeigt sie bloss, dass konsumierende Kids in Europa willkommen sind.

Übrigens: Wenn ich hier aufzählen würde, was mir derzeit alles zynisch vorkommt, wäre diese WOZ so dick, dass sie nicht mehr mit der Post zugestellt werden könnte.

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