Nr. 40/2015 vom 01.10.2015

Der Prophet der Geknechteten

Von Brigitte Matern

Bereits mit sechzehn schaufelte er als Heizer im Führerstand eines Güterzugs Kohlen. Er kannte das harte Leben der Eisenbahnarbeiter, wusste, wie unfallträchtig die Jobs waren und wie miserabel die Löhne – die die Unternehmer zudem skrupellos weiter senkten, sobald sie ihre Profite in Gefahr sahen. Eine Richtung hatte seine Gesellschaftskritik damals noch nicht; er wusste nur, dass sich etwas ändern musste.

1855 in der Kleinstadt Terre Haute, Indiana, geboren, begann sich der Sohn elsässischer Einwanderer in der Gewerkschaft der Lokomotivheizer zu engagieren. Bald reiste er als deren Generalsekretär und Schatzmeister durchs Land, hielt begeisternde Reden, organisierte. Doch die zersplitterte Bewegung war zu schwach, um gegen die wachsende Macht der Eisenbahnmagnaten punkten zu können. Und auch der parlamentarische Weg erwies sich als Sackgasse: Eine Legislaturperiode lang sass er für die Demokratische Partei im Repräsentantenhaus von Indiana – bis er erkannte, dass sich dort einfach keine Gesetze gegen Unternehmerinteressen durchbringen liessen.

Und so gründete er 1893 die American Railway Union (ARU), die erstmals sämtliche Berufsgruppen der Eisenbahnbeschäftigen umfasste und sofort gewaltigen Zulauf hatte. Bereits ein Jahr später führte jedoch der Aufmarsch der US-Armee gegen Streikende der Pullman-Schlafwagen-Gesellschaft zu einer blutigen Niederlage; die ARU löste sich auf, und ihr Gründer und Vorsitzender kam für sechs Monate hinter Gitter.

Dort hatte er Zeit zum Lesen und fand in der Kapitalismuskritik von Karl Marx endlich die schlüssigen Analysen für seine weitere Arbeit. Er rief die Sozialistische Partei Amerikas ins Leben und wurde einer der gefeiertsten Präsidentschaftskandidaten der USA. Fünfmal trat der freundliche Mann im Namen des Sozialismus an und vereinigte fast eine Million Stimmen auf sich. Seine letzte Kandidatur musste er aus dem Gefängnis heraus organisieren, da er 1919 wegen Landesverrat inhaftiert worden war.

Wie heisst der 1926 verstorbene Mitbegründer der militanten Gewerkschaft Industrial Workers of the World, der einmal sagte: «Solange es eine untere Klasse gibt, gehöre ich ihr an. Solange es Kriminelle gibt, bin ich einer von ihnen; und solange noch eine Menschenseele im Gefängnis sitzt, bin ich nicht frei»?

Wir fragten nach dem US-amerikanischen Sozialisten und Gewerkschafter Eugene Victor Debs (1855–1926). «Ich bin kein Arbeiterführer», sagte er bei einem seiner mitreissenden Auftritte, «ich will nicht, dass ihr mir oder irgendeinem anderen folgt. Ihr müsst euren eigenen Kopf und die eigenen Hände benutzen, um eure Situation zu verbessern.» Vier Monate nach Ende 
des Ersten Weltkriegs wurde er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil er den Kriegsbeitritt 
der USA kritisiert und zur Wehrdienstverweigerung aufgerufen hatte.

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