Nr. 43/2015 vom 22.10.2015

Rückkehr des Rassegedankens

Der katholische Monarchist Jean Raspail schrieb vor über vierzig Jahren einen Pamphletroman. Nun feiert ihn Rechtsaussen – inklusive «Weltwoche».

Von Hans Stutz

Es sei der grosse Roman zum «Flüchtlingsnotstand», behauptete der ehemalige «Spiegel»-Mitarbeiter Matthias Matussek vor drei Wochen in der «Weltwoche». Ein «Meisterwerk», geschrieben vor über vierzig Jahren, nun erneut – und erstmals vollständig – übersetzt und verlegt vom «kleinen Antaios-Verlag»: «eine mutige verlegerische Grosstat». Es sei «eine Schande, dass kein grosser Publikumsverlag» das Wagnis unternommen habe.

Matussek liegt grotesk daneben – auch mit der Relativierung, Jean Raspails Roman «Das Heerlager der Heiligen» sei parodistisch. Raspail, verkniffen wie ein blasierter Gutsverwalter, meint es ernst mit seiner Botschaft. Diese lautet: Der Westen gehört «der weissen Rasse», und die Verteidiger Europas dürfen, ja müssen über Leichen gehen. Ein solches Werk kann sich kein seriöser Verlag antun. Die deutschsprachige Ausgabe erschien bis anhin auch dort, wo das Buch hingehört: Beim Hohenrain-Verlag, einer Tochter des Grabert-Verlags. Der Verfassungsschutz zählt Letzteren «zu den grössten Verlagsunternehmen innerhalb des rechtsextremistischen Spektrums».

Flüchtlinge als «Eroberer»

Auch der Antaios-Verlag ist weit rechts aussen verortet: Er wird von Götz Kubitschek geleitet, den die Alternative für Deutschland (AfD) nicht als Mitglied wollte, weil er zu rechts sei. Kubitschek trat bereits mehrmals als Redner an Pegida-Demonstrationen in Dresden und Leipzig auf: Die Regierung wolle, so Kubitschek Anfang Oktober, «dass sich das Volk nicht wiedererkennt». Und Deutsche hätten die Pflicht, «gegen die Auflösung unseres Volkes Widerstand zu leisten». Sein Verlag will dazu den publizistischen Takt schlagen. Er verbreitet Autoren (und eine Autorin) jener Neuen Rechten, die eine kulturell homogene Gesellschaft anstreben.
Zu ihnen zählt auch der Übersetzer Martin Lichtmesz. Bereits vor vier Jahren behauptete er, dass es einen «gigantischen Verrat» gebe, den «die Eliten der westlichen Welt an ihren Völkern» begehen würden. Diesen Verrat sehe Raspail seit Jahrzehnten, und er karikiere, so umschreibt es Lichtmesz erfreut, die «landauf, landab herrschende linksliberale Psychose».

Der neunzigjährige Jean Raspail ist kein Demokrat. Er sei «Weltreisender, Monarchist, erzkatholisch und im besten Sinne des Wortes vornehm», schreibt der Antaios-Verlag. Im Klartext: Die Aufklärung und die Gleichheitsvorstellungen der Französischen Revolution sind ihm ein Gräuel. Ebenso Migration, auch aus den Ländern, die einst französische Kolonien waren. Bereits in den achtziger Jahren schrieb er kulturpessimistisch von «Fremdrassigen», die als «Vorhut» in Frankreich leben würden, «im Schosse des ehemaligen französischen Volkes». Und 2004 fabulierte er in der französischen Tageszeitung «Le Figaro» von der «Missachtung der gebürtigen Franzosen», die vom «hämmernden Tam-Tam der Menschenrechte» betäubt worden seien.

Der Romaninhalt ist schnell erzählt: Eine Million verarmter InderInnen fliehen mit hundert Schiffen in sechzig Tagen rund um Afrika bis nach Südfrankreich. Raspail diffamiert die Flüchtlinge als «Eroberer» und stinkende Masse, angeführt von einem verkrüppelten Paria. Raspail nennt ihn meist «Missgeburt». Die französische Regierung lässt die Bootsflüchtlinge in Südfrankreich an Land gehen. Der französische Präsident wollte im letzten Moment alle Ankommenden erschiessen lassen, doch die aufgebotenen Soldaten desertieren, nachdem die BewohnerInnen Südfrankreichs bereits in den Norden geflohen sind.
Raspail deutet den Zusammenbruch als «Verrat» am Abendland und an der «weissen Rasse». Nur die Schweiz habe – so Raspails Fiktion – der Auflösung länger widerstanden, um «ein Leben nach westlicher Art unter Leuten gleicher Rasse» führen zu können.

Von Ulrich Schlüer vertrieben

Das Buch soll – gemäss Angaben des Hohenrain-Verlags – mehr als zwei Millionen Mal verkauft worden sein. Sicher ist: Raspails Buch bestärkt MigrationsgegnerInnen seit Jahrzehnten. Der ehemalige SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer vertrieb es 2007 in seinem «Schweizerzeit»-Buchversand, als Argumentationshilfe für die SVP-Initiative «Stopp dem Asylmissbrauch». Das Buch sage «das Ende der weltweiten Ausstrahlung des Abendlandes» voraus, «wenn dieses der illegalen Massenwanderung nicht Einhalt» gebieten könne. Und die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) Bayern verbreitete 2005 in einem Flugblatt eine Romanzusammenfassung, die gleichzeitig einem rechtsextremen Mantra entspricht: «Die mitleidigen Europäer haben unter der Einwirkung von der Gleichheitsideologie des Liberalismus ihren Selbstbehauptungswillen verloren.»

Auch erschreckte Konservative finden Anregung bei Raspail. In der FAZ schrieb Kulturredaktor Lorenz Jäger 2005 beunruhigt von der Einwanderung nordafrikanischer junger Männer: Raspails Werke seien «visionär», und darin würden «die Kerenskis der multikulturellen Gesellschaft» eine traurige Rolle spielen. Gemeint sind sozialistische oder linksliberale PolitikerInnen, die als Wegbereiter für KommunistInnen beziehungsweise Linksextreme agierten.

Immerhin: Nicht alle konservativen Blätter wollen mit Raspails Roman Stimmung machen. Matusseks Lob auf die Rückkehr des Rassegedankens erschien in der «Weltwoche» erst, nachdem die konservative «Welt» (einst redaktionell geleitet von Roger Köppel) die Rezension abgelehnt beziehungsweise «verschmäht» hatte, wie es Matussek nannte.

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