Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

Stuben zu Studios

Lokal verankert, weltweit empfangbar: Der Sender NTS aus London setzt die neue Maxime des Radios in einen widerborstigen Mix um.

Von Benedikt Sartorius

Würde man einen ganzen Tag nur NTS Radio hören, wäre man am Ende glücklich erschöpft. Denn in der Sendekabine im Osten Londons gehen sie ein und aus: Musikerinnen, DJs, Musikjournalisten, Labelbetreiberinnen und andere musikvernarrte Radioamateure. So entsteht auf dem Sender ein eklektischer, widerborstiger Mix, der anscheinend keine Grenzen kennt. Soundtüftlerin Mica Levi alias Micachu kommt einmal pro Monat mit ihren FreundInnen vorbei, Elektroniker wie Four Tet oder Floating Points verbringen ihre Mittagspause an den Plattenspielern, und selbst Noise-Musiker wie EYE von den japanischen Boredoms mixen bei einem Tourstopp denkwürdige Radiostunden zusammen.

Gegründet wurde NTS 2011 von Femi Edmund Adeyemi, der einst für die Videoplattform Boiler Room gearbeitet hat. Sein Radio funktioniert ähnlich wie die populäre Seite, auf der DJ-Sets live übertragen werden. 150 Sendungen und ebenso viele ModeratorInnen führt das kaum überblickbare Programm auf. Das 24-Stunden-Programm aus London wird ergänzt durch den internationalen Kanal. Stuben und Büros mutieren dafür zu Pop-up-Studios, und man hört während dreier Stunden beispielsweise die raren Platten vom Betreiber des Labels Luaka Bop oder lernt die Lieblingsmusik von Punklegende Henry Rollins kennen.

Der «Guardian» siedelte NTS zwischen der musikalischen Vielfalt von BBC 6 und dem Do-it-yourself-Geist von Piratenradiostationen an. Solche Stationen, die lokal verankert sind, aber weltweit empfangbar, würden eine Renaissance des Musikradios begünstigen. Denn was NTS kann – die Buchstaben stehen für Adeyemis früheren Blog «Nuts to Soup» –, kann kein Streamingdienst übernehmen. Diese abenteuerliche Form von Radio schätzen pro Monat eine Viertelmillion HörerInnen, Tendenz steigend.

www.ntslive.co.uk

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