Nr. 47/2015 vom 19.11.2015

Das virtuelle Geld ist die Software der Gegenwart

Die Fernsehserie «Mr. Robot» bedient sich gekonnt aus dem historischen Fundus popkultureller Referenzen und ist dennoch ganz ein Produkt unserer Zeit. Der Hacker wird zum Heilsbringer und Hoffnungsträger einer neuen Weltordnung.

Von René Birrer

Ein unzuverlässiger Erzähler: Rami Malek als genialer Hacker Elliot Anderson im unvermeidlichen Kapuzenpulli. Foto: USA Network

«Etwas ist falsch in dieser Welt. Etwas, das du nicht richtig erklären kannst. Etwas, das uns alle kontrolliert.» Mr. Robot erscheint zum ersten Mal in der New Yorker U-Bahn, als leicht verwahrloster Mittfünfziger. Er lockt den Protagonisten Elliot in die Unterwelt der stillgelegten Computerspielarkaden auf Coney Island, in das Versteck von «fsociety». Als klandestine HackerInnengruppe plant diese, mit dem grössten Hack der Weltgeschichte das gigantische Firmenkonglomerat E-Corp in den Abgrund zu treiben und so das globale Wirtschaftssystem zu destabilisieren, um letztlich die gesamte Weltbevölkerung von ihren Schulden zu befreien.

Wie von Edward Snowden empfohlen, trifft sich die Gruppe stets «strictly offline». Mr. Robot (Christian Slater) gleicht dabei Tyler Durden, dem charismatischen Anführer der elitären sozialrevolutionären Untergrundorganisation in David Finchers Film «Fight Club» (1999), als scheinbar von jeglichen sozialen Zwängen befreiter Draufgänger. Und er hat, wie jeder ernst zu nehmende Sozialrevolutionär, eine grosse Theorie: Geld ist, seit es virtuell geworden ist, die Software der Welt, die die Menschen kontrolliert. Deshalb braucht es HackerInnen, die diese Welt befreien und zurechtrücken. Der Computernerd ist die logische Heldenfigur unserer Zeit geworden, die nun auch «afk» (away from keyboard) in Erscheinung tritt – nicht länger als Neben-, sondern in der Hauptrolle.

Hacking als Superkraft

Hoffnungsträger der «fsociety» ist Elliot Anderson (Rami Malek), am Tag Cybersecurity-Experte einer mittelgrossen IT-Bude und in der Nacht «vigilante hacker». Seine Superkraft liegt darin, dass er alles und jeden hacken kann. Er liefert Bösewichte der ahnungslosen Polizei aus und handelt meist anonym und nobel, nicht um des Geldes willen. Elliot erteilt auch jenen ÜbeltäterInnen eine Lektion, die nicht gegen das Gesetz verstossen, sondern die wenigen Menschen, die ihm wichtig sind, hintergehen. Doch diese moralische Rechtfertigung seiner Hacks ist nur ein Schein: Er folgt einem Wiederholungszwang und sammelt die Daten der Gehackten auf CD-ROMs, die als Popalben getarnt sind.

Der geniale Hacker Elliot hat Probleme mit «sozialen Situationen» und verschanzt sich unter der ständig hochgezogenen Kapuze seines schwarzen Pullis. Anstatt mit ihnen zu interagieren, hackt er seine Mitmenschen, mühelos findet er alles Private über sie heraus: Bank- und E-Mail-Konten, Affären und Laster, Gewohnheiten und geheime Wünsche.

Der Plot der Fernsehserie «Mr. Robot» ist so grundsolide wie erwartbar: böse Welt, leidender Aussenseiterheld mit Superkräften, zündende Idee und Rettung. Ungewöhnlich und reizvoll ist jedoch, dass diese Geschichte vom Helden selbst erzählt wird und dass Elliot ein höchst unzuverlässiger Erzähler ist. Nicht nur spricht er direkt zu uns, den ZuschauerInnen, die wir zugleich vor den Bildschirmen und in seinem Kopf sitzen. Was er erzählt, wird auch automatisch unsere Wahrheit. Weil E-Corp von Elliot konsequent Evil Corp genannt wird, ist fortan auf dem Logo, in Gesprächen, in der Fernsehreklame nur noch von Evil Corp die Rede. Eine lockere Pointe des Erzählers oder seine Wahnvorstellung? Immerhin ist Elliot wegen Verfolgungswahn und sozialer Phobien in Therapie. Anstatt der verschriebenen Psychopharmaka verabreicht er sich jedoch in virtuoser Selbstmedikation Morphium und Opiatblocker zugleich. Die Stringenz der Ereignisse wird durch rätselhafte Kontext- und Erinnerungslücken und das wiederholte Aufschrecken des Erzählers in ein nervöses Stakkato zerhackt. Dieses kontrastiert markant mit dem ruhigen Fluss der Erzählung, wenn Elliot mit der Ruhe des Besserinfomierten die Welt in Monologen erklärt.

Blick durch die Sonnenbrille

Der Regisseur Sam Esmail schöpft gekonnt aus Kinoklassikern, von «Clockwork Orange» (1971) über «Taxi Driver» (1976), «The Matrix» (1999) bis zu «American Psycho» (2000). Er zitiert sie nicht nur augenzwinkernd und anerkennend, sondern aktualisiert gleichzeitig ihre zentralen Motive und entwickelt sie weiter. Nicht zuletzt erinnert «Mr. Robot» an John Carpenters Science-Fiction-Lehrstück «They Live» (1988), in dem ein Wanderarbeiter eine Sonnenbrille findet, die gegen den Schein der Warenwelt immun macht. Wer sie aufsetzt, sieht unmittelbar hinter die Ideologie, auf Geldscheinen steht «Gott» und auf jeder Reklame «Gehorche!». Die Herrschenden sind in Wahrheit Aliens.

In «Mr. Robot» ist es der Hacker Elliot, der hellsichtig die wahren Bedürfnisse und Motive seiner Mitmenschen liest, die sie wie Schilder um den Hals tragen. So findet er die Schwachstellen jeder Person und Organisation, die er für seine Hacks nutzen kann. Doch was stünde auf dem Schild um seinen Hals, wenn er selber in den Spiegel schaute?

Die deutsche Erstausstrahlung von «Mr. Robot» startet am 20. November 2015 auf Amazon Prime.

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