Nr. 49/2015 vom 03.12.2015

Der Dichter, der verschwand

Von Bettina Dyttrich

Eine Jugend wie ein Traum der 68er-Generation: Rebellion, Poesie, Psychedelik, sexuelle Befreiung. Doch er plädiert schon hundert Jahre früher für die «Entgrenzung aller Sinne». Das LSD ist noch nicht erfunden, Haschisch in Dichterkreisen aber schon beliebt. Und die Rebellionen übertreffen die Aufstände der Nachgeborenen – zumindest in Paris, wo im März 1871 der revolutionäre Stadtrat die Commune ausruft. Gut zwei Monate dauert das sozialistische Experiment, bevor die französische Armee die Aufständischen massakriert.

Ob er wirklich dabei war oder nur in seinen Gedichten, ist nicht sicher. Immerhin war er schon sechzehneinhalb und hatte die Gewohnheit, abzuhauen und weit zu wandern. Kurz vor dem Aufstand hatte er es bis Paris geschafft, war aber Anfang März nach Hause zurückgekehrt. Schlechtes Timing.

Aufgewachsen ist er in einer nordfranzösischen Provinzstadt, hochbegabt und vorerst brav. Mit dreizehn widmet er dem Sohn Napoleons III. ein lateinisches Erstkommunionsgedicht, mit fünfzehn beherrscht er die Regeln der Lyrik perfekt und verarbeitet seine Träume, Streifzüge und die Bilder, die er vom vielen Lesen im Kopf hat, zu erstaunlichen Gedichten. Wie keiner vor ihm erforscht er den Klang der französischen Sprache, das wird später die Surrealisten faszinieren.

Die Gedichte schickt er Schriftstellern und behauptet auch mal, er sei schon siebzehn. Als er wirklich so alt ist, lädt ihn ein Pariser Dichter zu sich ein. Der elf Jahre Ältere ist begeistert vom frechen Wunderkind, gemeinsam ziehen sie durch die Pariser Kneipen, trinken Absinth in rauen Mengen und landen bald zusammen im Bett. Das «Sonett vom Arschloch», das die beiden zu Ehren dieses Körperteils schreiben, geht auch den dekadenten Dichterkollegen zu weit. Die Affäre wird immer zwanghafter und destruktiver, bis im Sommer 1873 der Ältere auf den Jüngeren schiesst – ihn aber nur leicht verletzt.

Dessen Texte werden auch immer düsterer, aber hypnotisch schön sind sie immer noch; er schreibt jetzt freie, halluzinierende Prosa. Und dann, mit gut zwanzig, hört er einfach auf. Er lernt Sprachen, wird Kaufmann und landet schliesslich im Jemen und im heutigen Somalia, wo er mit Kaffee, Pelzen und Waffen handelt. Auf einem Foto als Dreissigjähriger sieht er aus wie ein alter Mann. Mit 37 stirbt er in Marseille an Krebs. Fans hat er bis heute viele: Unter anderem ist er Patti Smiths imaginärer Liebhaber.

Wie heisst der Dichter, dessen Name Englischsprachige an einen Actionhelden erinnert?

Gesucht ist der französische Dichter Arthur Rimbaud (1854–1891). Sein später Text «Une Saison en Enfer» («Eine Zeit in der Hölle») hat der Autorin beim Französischlernen ungemein geholfen.

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