Nr. 04/2016 vom 28.01.2016

Der unsterbliche praktische Philosoph

Von Brigitte Matern

Ins Meer mit denen vom Festland!, lautete die Parole des vor 125 Jahren geborenen Sarden, ins Meer mit den ausbeuterischen Bergwerkbesitzern, mit den reichen Käsebaronen, die schamlos niedrige Milchpreise zahlten, mit den Steuereintreibern und den Wirtschaftspolitikern, die die Industrie Norditaliens schützten, die BäuerInnen Sardiniens hingegen von ihren Absatzmärkten isolierten! Und wenn es, wie 1906, wegen der Missstände zu Revolten kam, kannte die Regierung in Rom nur eine einzige Antwort: militärische Gewalt. Damals glaubte er, gerade fünfzehnjährig, dass nur die Abspaltung von Italien die Probleme Sardiniens lösen könne.

Als sieben Jahre später auch Arbeiter und Bauern zur Wahlurne durften (Frauen erst ab 1946), merkte er aber, dass die Konfliktlinie gar nicht zwischen Festland und Insel verlief: Auch die sardischen Eliten versuchten, Hand in Hand mit Justiz, Polizei und Kirche, zu verhindern, dass sich jemand für die Interessen des Landproletariats einsetzte. Er trat, inzwischen Philologiestudent in Turin, der Sozialistischen Partei (PSI) bei und wurde Redaktor verschiedener linker Publikationen. 1919 gründete er die Zeitung «L’Ordine Nuovo», versorgte die Turiner Fabrikrätebewegung mit Ideen und Informationen und half tatkräftig mit, als es diesen gelang, die Leitung der Fabriken zu übernehmen.

«Pessimismus des Verstands und Optimismus des Willens» forderte er von seinen GenossInnen: eine nüchterne Analyse der jeweiligen Gegebenheiten und beherztes Hinarbeiten auf eine bessere Zukunft. Dabei mass er der Bildung eine wichtige Rolle zu, da «jeder Revolution eine intensive kritische und kulturelle Arbeit vorausgehen» müsse. Der PSI prophezeite er, dass es zu einer «furchtbaren Reaktion der besitzenden Klasse» käme, wenn sie sich jetzt nicht für die «Eroberung der politischen Macht durch das revolutionäre Proletariat» engagiere.

Als die PSI sich nicht bewegte, kam es 1921 zum Bruch: Er hob die Kommunistische Partei mit aus der Taufe und zog für sie 1924 ins Parlament ein. Zwei Jahre später verhafteten ihn Benito Mussolinis Schergen, um, wie der Staatsanwalt erklärte, «für die nächsten zwanzig Jahre [zu] verhindern, dass dieses Gehirn funktioniert». Das schafften sie nicht, auch wenn er 1937 völlig entkräftet starb.

Wer war der eineinhalb Meter grosse Philosoph der kulturellen Hegemonie, der durch seine Gefängnisaufzeichnungen unsterblich wurde?

Wir fragten nach dem italienischen Schriftsteller, Journalisten, Politiker und Philosophen Antonio Gramsci (1891–1937). Sein Rückgrat war, vermutlich durch eine tuberkulöse Entzündung, von Kindheit an verkrümmt. Gramscis «Gefängnishefte» haben Soziologie, Politikwissenschaft und die Linke der Nachkriegszeit entscheidend mitgeprägt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch