Nr. 05/2016 vom 04.02.2016

Zusammenpacken, verschwinden

Was ist bloss mit der SRG los? Im Tessin setzt das Unternehmen den angekündigten Personalabbau mit unverhältnismässig harten Mitteln durch. Das Personal steht unter Schock. Die Tessiner Rechte macht Stimmung.

Von Sarah Schmalz

Wer vergangene Woche Augenzeuge war in den Studios des Tessiner Fernsehens RSI, ist fassungslos: Elf Angestellten der SRG-Tochter wurde fristlos gekündigt. Mit Namen in der Zeitung exponieren will sich dennoch niemand. Noch stehen Verhandlungen der Gewerkschaft mit der RSI-Direktion um Maurizio Canetta an – die Situation ist angespannt.

Die Kündigungsmassnahmen sind Teil des Sparpakets, das die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) vergangenen Herbst angekündigt hatte. Die SRG rechtfertigt die Massnahmen mit dem Bundesgerichtsentscheid, der das Unternehmen verpflichtet, die Mehrwertsteuer künftig selbst zu berappen. 35 Millionen kostet dies das Unternehmen. Dazu verliert die SRG jährlich 5 Millionen, weil mit dem revidierten Radio- und Fernsehgesetz der Anteil der Lokal- und Regionalsender an den Gebühreneinnahmen steigt.

Telefonisch ins Chefbüro bestellt

Man war also auch im Tessin vorgewarnt. Doch mit einem Vorgehen, wie es letzten Donnerstag in den beiden Fernsehstudios in Comano und Besso seinen Anfang nahm, hatte niemand gerechnet. Das sei eine militärisch anmutende Aktion gewesen, sagt ein Mitarbeiter. Noch bevor die Betroffenen ins Chefbüro bestellt worden seien, seien im Studio Securitas-Mitarbeiter postiert und damit eine Atmosphäre geschaffen worden, «die der Schweizer Firmenkultur nicht würdig ist».

Wer ins Chefbüro bestellt wurde, musste offenbar sofort seinen Badge abgeben. Laut Mitarbeitenden wurden den Gekündigten auch unmittelbar die Benutzerkonten gesperrt – bevor sie die Human-Resources-Verantwortliche ans Arbeitspult und schliesslich bis zur Tür begleitete: zusammenpacken, verschwinden. Manche seien mitten in einem Arbeitsschritt telefonisch ins Chefbüro bestellt worden, sagt ein weiterer Mitabeiter, «ohne dass man ihnen am Telefon mitteilte, worum es genau geht. Das ist doch grotesk: Da arbeitest du jahrelang zusammen, und da fragt dich plötzlich jemand: ‹Du, wohin ist jetzt Kollege Soundso verschwunden?›»

RSI-Direktor Maurizio Canetta hatte zunächst in einem auf der RSI-Website veröffentlichten Video alle Vorwürfe der Belegschaft bestritten. Inzwischen verlegt er sich auf kleinste Relativierungen: Man habe den Betroffenen keine «Telefonfallen gestellt», sondern sie über die anstehende Kündigung informiert. Anders als in der Darstellung des Schweizer Syndikats Medienschaffender (SSM) sei auch keineR der gekündigten MitarbeiterInnen von Sicherheitsbeamten an die Türe begleitet worden. Die Firma sei lediglich als Vorsichtsmassnahme angeheuert worden.

Fast fünfzig Stellen gefährdet

Viel ausrichten kann Direktor Canetta mit solchen Beschwichtigungen nicht: Im Tessin wirft der Fall RSI immer höhere Wellen. Bereits hat die Lega dei Ticinesi den Rücktritt Canettas gefordert. Dass die Rechtspopulisten aus der Situation Profit schlagen wollen, erstaunt nicht. Wegen ungenügender flankierender Massnahmen ist die Arbeitslosigkeit im Kanton markant höher als in der restlichen Schweiz – und staatliche Arbeitgeber haben eine grössere Bedeutung. Das gilt besonders für das RSI, den zweitgrössten Arbeitgeber des Kantons. Längst fordert die Lega deshalb eine Obergrenze für im Tessin arbeitende GrenzgängerInnen.

Die Kündigungen im Tessin bescheren der SRG nun noch mehr Gegenwind von rechts. 49 der insgesamt 250 SRG-Stellen sollen abgebaut werden, neben Frühpensionierungen sieht die SRI «höchstens achtzehn Kündigungen vor». Am Montag reiste Roger de Weck ins Tessin. Es war ein längst geplanter Besuch, doch nun hiess es vor allem: Wogen glätten.

Und auch SRG-Pressesprecher Daniel Steiner schreibt: «Aus fachlicher Sicht ist es vertretbar, so zu handeln.» Es habe im Tessin im vergangenen Jahr bei einer Kündigung zudem einen gravierenden Sicherheitsfall gegeben. «Dies hat die Direktion veranlasst, alle betroffenen Mitarbeitenden gleich zu behandeln.» Hinter den Kulissen der SRG dürfte derzeit weniger Harmonie herrschen.

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