Nr. 08/2016 vom 25.02.2016

Der zornige Balladensänger

Von Brigitte Matern

Wenn ihn auf dem Schulweg weisse Kinder anrempelten, schlug er zu. Denn er war zornig, schon mit sieben, und liess sich nichts gefallen. Später erkannte er den Grund für seine Wut: 1927 als Sohn karibischer EinwanderInnen in Harlem, New York, geboren – die Mutter war Dienstmagd, der Vater Matrose –, war er ein Bürger zweiter Klasse. Er schmiss die Schule, hielt sich mit Hilfsjobs über Wasser und meldete sich 1944 zum Kriegsdienst. Dass er dabei ständig scharfe Munition verladen musste – dieser riskante Drecksjob war Schwarzen wie ihm vorbehalten –, empörte ihn noch mehr.

Doch dann bekam er eine Eintrittskarte für das American Negro Theatre geschenkt, und es eröffnete sich ihm eine neue Welt: Gebannt sah er, wie schwarze SchauspielerInnen vor einem schwarzen Publikum das Stück eines Schwarzen aufführten. Hier lag seine Zukunft. Er wurde Mitglied der Theatergruppe und erhielt, da er grosses Talent zeigte, einen Platz an der Schauspielschule Erwin Piscators. Leben konnte er davon allerdings nicht, und in der Film- und Theaterwelt der Weissen gab es nur die Rolle des einfältig-servilen Negers. Den spielte er auf keinen Fall.

Aus der Not heraus begann er zu singen – und hatte prompt Erfolg. Zunächst mit «albernen Balladen» (wie er es nennt), dann mit karibischen Klängen, Folk, Gospel und Blues. Er war bereits ein gefeierter Weltstar, als die schwarze Bürgerrechtsbewegung in die heisse Phase trat. Schon zuvor aufgrund seines politischen Engagements als «kommunistischer Nigger» beschimpft und vom FBI observiert, hatte seine Stimme so grosses Gewicht, dass er zum Vermittler zwischen Martin Luther King und den Kennedy-Brüdern John und Robert wurde (denen er offen die Meinung sagte, aber nie so recht traute).

Überhaupt setzte er sich überall ein, wo es um Unrecht und Freiheit ging: in Griechenland für Mikis Theodorakis, in Südafrika gegen die Apartheid, in Äthiopien gegen Hunger und in den USA für Interessen der Native Americans und gegen die kriegerische Aussenpolitik. George W. Bush nannte er «den weltweit grössten Terroristen», und im gegenwärtigen US-Wahlkampf unterstützt er selbstverständlich Bernie Sanders.

Wie heisst der noch immer optimistische Calypsokönig mit den zerkratzten Stimmbändern, der als Kind Jockey werden wollte und heute rappen würde, wenn er noch jung wäre?

Wir fragten nach dem US-amerikanischen Sänger, Schauspieler und noch immer aktiven Bürgerrechtler Harry Belafonte (88). Empfehlenswert: Harry Belafonte, «My Song. Die Autobiographie», btb Verlag, München 2013, 622 Seiten, 19 Franken.

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