Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

Ein Kobold, vielfach in den Nächten

Von Bettina Dyttrich

«Gott, schütze mich, dass ich nie in die trostlose Situation komme, lediglich die Sprache des gesunden Menschenverstandes zu benutzen. Lass mich nie so tief herabsinken, nur auf das normale Hirn angewiesen zu sein.» Als sie das schreibt, tritt sie als wahrsagende Spinne auf. Auf einer Basler Bühne, den Körper verborgen hinter Spiegeln, sodass ihr Kopf im Raum zu schweben scheint. Als «weiblicher Humorist, Komiker und Kobold» gehört sie zu einer Truppe von Musikern, Schlangenmenschen, Feuerschluckern und Tänzerinnen. Die meisten sind aus Deutschland geflohen, denn dort ist Krieg.

Geboren 1885 in Flensburg, heiratet sie mit neunzehn. Das Paar schliesst sich einem Wandertheater an. Als es sich trennt, bleibt sie dabei, spielt in Operetten und Krimistücken, arbeitet als Maler- und Fotomodell, Hausiererin und Prostituierte, wird morphiumsüchtig und landet im Gefängnis. Sie tritt in Danzig, Budapest, Berlin auf, dann wird das Münchner Kabarett Simplizissimus ihre Stammbühne. Dort treffen sich Literaten wie Joachim Ringelnatz, Frank Wedekind, Erich Mühsam und auch ihr späterer Mann, der heute berühmter ist als sie. Sie heiraten jedoch erst 1920, vorher führen sie jahrelang eine «wilde Ehe».

Der Erste Weltkrieg treibt beide in die Schweiz: Er will nicht Soldat werden, sie die patriotischen Lieder nicht singen, die im «Simplizissimus» jetzt gefragt sind. Das EmigrantInnenleben ist hart: «Beide hatten wir Fieberanfälle und schmerzhafte Schwächezustände, waren aber sehr darauf bedacht, nur nicht vor Zeugen zusammenzubrechen» – sonst hätte die Ausweisung gedroht.

Zuerst Basel, dann Zürich: Sie sind es, die im Niederdorf das Lokal mieten, in dem die neue Avantgardebewegung entsteht. Später beurteilt sie das Ganze kritisch: Aufgabe der Kunst sei es, «zu klären und nicht zu verwirren». Bald ziehen die beiden ins Tessin und werden (wieder) katholisch. Doch das Leben bleibt prekär, oft hilft Nachbar Hermann Hesse der «Märchenvogelfamilie» aus. Von ihr bleibt ein erstaunliches Werk: lakonische Prosa an der Grenze zur Reportage, etwa der autobiografische Bericht «Gefängnis», religiöse Texte und fiebrige, nachtverliebte Gedichte: «Ich bin so vielfach in den Nächten. / Ich steige aus den dunklen Schächten. / Wie bunt entfaltet sich mein Anderssein.»

Wir fragten nach Emmy Hennings (1885–1948), die einmal auch ungeplant zum Dadaismus beitrug: Sie färbte die Hocker der «Galerie Dada» in «allen Ostereierfarben» ein – auf den Kleidern der Gäste waren danach «unfreiwillige Farbsymphonien» zu sehen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch