Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Der verhasste Königssohn

Von Brigitte Matern

«Verdammter Zucker! Verdammter Kaffee! Verdammte Kolonien!» Napoleon tobte, als er eine seiner reichsten Kolonien verloren geben musste. 20 000 Mann hatte er auf die Insel Hispaniola entsandt, um dort das französische Siedlerregime wiederherzustellen. Vergeblich. Als er den Code noir wiedereinführen wollte – die Sklavengesetze, die das revolutionäre Paris wenige Jahre zuvor abgeschafft hatte –, war die Empörung der Schwarzen ebenso gross wie ihr Kampfeswille. Sie warfen die Kolonialarmee aus dem Land und erklärten sich am 1. Januar 1804 unter dem Namen Haiti für unabhängig. Ihr langjähriger Anführer, ein freigelassener Sklave königlichen Geblüts, war da bereits tot.

Dessen Vorfahren waren einst aus Westafrika nach Saint-Domingue, den französisch besetzten Westteil Hispaniolas, verschleppt worden. Er selbst kam dort um 1743 auf einer Plantage zur Welt. Mit Anfang dreissig bekam er die Freiheit geschenkt; bis dahin hatte er als Haussklave gedient, dabei lesen und schreiben gelernt, sich gebildet und unter vielem anderem «Die Geschichte beider Indien» des Kolonialismuskritikers Abbé Raynal gelesen. Er wusste also Bescheid über das Ancien Régime, die Sklaverei und die Grabenkämpfe der Grossmächte in den Kolonien. Als 1789 in Frankreich die Revolution ausbrach, war ihm klar, dass es keine Freiheit und Gleichheit geben konnte in dieser Kolonialgesellschaft, in der 40 000 Weisse und MulattInnen 400 000 schwarze SklavInnen drangsalierten.

1791 begannen die Geknechteten aufzubegehren, brannten Plantagen und Zuckersiedereien nieder. Er schloss sich dem Aufstand an, baute eine schlagkräftige schwarze Rebellenarmee auf und kämpfte an deren Spitze in wechselnden Allianzen erfolgreich gegen die europäischen Soldaten, gegen königstreue Siedler und besitzhungrige Mulatten. Schliesslich ernannte er sich zum Gouverneur auf Lebenszeit und schaffte auch im ursprünglich spanischen Ostteil der Insel die Sklaverei ab. Da riss Napoleon der Geduldsfaden. Er sandte sein Expeditionskorps, liess den verhassten General gefangen nehmen und weit fort vom Kriegsschauplatz, ins Fort de Joux im französischen Jura, schaffen, wo er wenige Monate später an den Folgen der elenden Haftbedingungen starb. Wer war der Wegbereiter der ersten Republik freier Schwarzer, nach dem heute ein Flughafen benannt ist? Brigitte Matern

Wir fragten nach dem haitianischen Revolutionär François-Dominique Toussaint Louverture (um 1743–1803). Die Kolonialmächte anerkannten die Unabhängigkeit Haitis damals nicht, die französische Regierung forderte später eine Entschädigung von 150 Millionen Francs für die Plantagenbesitzer und drohte bei Nichtbezahlen mit der erneuten Invasion. Haiti verschuldete sich und zahlte. 2004 forderte Präsident Jean-Bertrand Aristide von Frankreich die Rückzahlung dieses Lösegelds inklusive Zinsen, insgesamt 22 Milliarden US-Dollar. Natürlich vergeblich.

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