Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Das falsche Quartett, das Bilder wachsen lässt

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Da standen wir nun in einem Bandraum im spanischen Vigo und begrüssten verlegen die Frau und die fünf Männer, die auf uns gewartet hatten. Auch sie waren etwas verlegen, denn, so betonten sie, es sei für sie völlig unüblich, Fans aus dem Ausland zu haben und diese dann sogar noch kennenzulernen. Nach kurzem Händeschütteln griffen sie zu ihren Instrumenten und legten los. Und mit der Musik verschwand jegliche Schüchternheit, und es entstand eine Vertrautheit zwischen uns, als ob wir uns schon seit Jahren kennen würden.

Und so ist es ja auch: Denn seit Jahren begleitet die Musik des galicischen Cuarteto Caramuxo meine Familie und mich. Sei es beim Aufräumen, beim Kochen, auf Reisen, zum Lesen oder zum Einschlafen – stets ist das Quartett, das aus sechs MusikerInnen besteht, dabei. Die Kinder summen die Melodien, die auf traditionellen galicischen Musikstücken basieren, mit, trommeln die Schläge der Schlagzeugerin und dirigieren kunstvoll die verschiedensten Rhythmen und die abrupten Pausen.

Als die vier Klarinettisten also vor uns in ihre ganz unterschiedlich grossen Instrumente bliesen (von einer Kleinstklarinette bis zu einer riesigen Kontrabassklarinette), der Akkordeonist dazu einsetzte und die Schlagzeugerin schliesslich den Rhythmus übernahm, war einmal mehr klar, warum diese Musik in unserem Alltag einen so grossen Stellenwert hat: Dem Cuarteto Caramuxo zuzuhören (und noch besser, sie dabei sogar noch zu sehen!), versetzt nicht nur meine Kinder, sondern auch mich in andere Sphären. Die Klarinettisten entlocken ihren Instrumenten Klänge, Geräusche, Seufzer und Töne, von denen ich zuvor nicht wusste, dass sie so existieren. Sie scheinen miteinander zu plaudern, zu lachen, zu jubilieren, zu grummeln, zu schreien, zu weinen oder einander misszuverstehen. Der Akkordeonist nimmt ihre Melodien auf, spinnt sie weiter, antwortet darauf, und stets präzise und dezent schlägt dazu die Schlagzeugerin die Rhythmen.

«Wenn man konzentriert zuhört, wachsen einem Geschichten und Bilder im Kopf, bei jedem Zuhören wieder neue, und man fühlt sich in ein Zauberland versetzt», sagt mein Sohn. Und: «Man kann so schön mitdenken, und am Ende schläft man, weil es so schön ist.»

Mitarbeit Moritz Süess. Die CDs «Tiruriru» (2009) und «Arrieiros somos» (2016) gibts auf Spotify zu hören oder unter cuartetocaramuxo.wix.com/cuartetocaramuxo.

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