Nr. 20/2016 vom 19.05.2016

Falco und Pouletherzen auf Strudelteig

Von Daniela Janser

Plötzlich sassen sie da, wo sich früher der Durchgangsverkehr durch enge Häuserzeilen gestunken hatte. Sie blinzelten in die Sonne oder schauten die Häuser an, die nun nicht mehr russgeschwärzt und abgeranzt waren. Und sie tranken überteuerte Cocktails, die preisgekrönte Barkeeper in unpraktische Konfigläser gefüllt hatten, weil das der letzte Chic war.

Man konnte über die erste richtige Hipsterbar im Quartier schimpfen, vor allem aber konnte man gut über sie spotten. Oder die Augen zudrücken und sie einfach vergessen. Bis die BetreiberInnen der Hipsterbar kürzlich eine Filiale gründeten, ein Restaurant diesmal, und Wegschauen schwieriger wurde. Denn dieses Restaurant besetzt ein Lokal, das von der Stadt Zürich zur Miete ausgeschrieben worden war – mit gewissen Auflagen das Betriebskonzept und die Preisgestaltung betreffend. Immerhin gehört die Beiz zu einem Hochhaus mit subventionierten Wohnungen, in denen neben Familien auch viele RentnerInnen und Randständige leben. Sie dürfen nun ihre alten Schallplatten mit ins Café nehmen und sie dort auflegen lassen. Ansonsten lässt der Wirt gerne Falco oder alte israelische Schlager laufen, wie er dem «Züritipp» verriet.

Der «Züritipp»-Journalist war dann derart hingerissen, dass er das neue Lokal noch vor dessen Eröffnung bereits zum «Lieblingsort im Betonblock» kürte. Auf den Tischchen stehen farbige finnische Teelichthalter für zwölf Franken das Stück, denkt man sich die Noppen weg, erinnern sie ein wenig an Konfigläschen. Womöglich müssen hier bald Antidiebstahlschilder aufgestellt werden, wie im veganen Restaurant ein paar Strassen weiter, wo die BesucherInnen immer die aparten Glühbirnen im WC abschrauben und mitnehmen. Es gibt fünfzehn verschiedene Kaffeevarianten, alle auf Espressobasis. Oder darf es etwas zum Knabbern sein? Pouletherzen-Burekas und ein weiches Ei? Lammnacken mit Tsatsiki? Oder einfach ein kleines Schälchen ganz gewöhnliche Salzmandeln für 4 Franken zum frisch gepressten Orangensaft, zwei Deziliter für 6.50 Franken?

Für die interessierten HipsterInnen unter den WOZ-LeserInnen: www.lochergut.net.

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