Nr. 22/2016 vom 02.06.2016

Das Händeschütteldrama

Von Karin Hoffsten

Bei der Maturafeier verweigerten meine beste Freundin und ich unserem langjährigen Klassenlehrer den Händedruck. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil wir ihn aus damaliger Teenagerperspektive hassten. In unseren Breitengraden hat diese Geste – ebenso wie ihre bewusste Vermeidung – nun mal eine Bedeutung.

Später selbst Lehrerin, unterrichtete ich jahrelang an der Berufsschule junge Männer. Die Mehrzahl kam aus dem Ausland, viele aus der Türkei oder Albanien, ihr jeweiliger Glaube war nie ein Thema. Die Volksschulsitte, die Lehrerin mit Handschlag zu begrüssen, brachten manche mit ins erste Lehrjahr, wo sie sich aber bald verlor und besonderen Gelegenheiten vorbehalten blieb. Ob mir je ein Schüler aus religiösen Gründen die Hand nicht gab, weiss ich nicht.

Bei der Vorstellung, einer von ihnen wäre unter Strafandrohung dazu gezwungen worden, dreht sich mir der Magen um – ganz abgesehen vom Spektakel für die ganze Klasse. Woher auch immer SchülerInnen kommen mögen, ihr Vertrauen oder wenigstens ihren Respekt zu gewinnen, ist eine subtile Angelegenheit. Mit Geldbussen funktioniert es jedenfalls nicht.

Drum danke ich inbrünstig jenem Wesen, an das ich nicht glaube, dass ich mich heute nicht mit wütenden Teenies und fanatisierten Buben abgeben muss. Möge es den Zuständigen Langmut verleihen.

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