Nr. 25/2016 vom 23.06.2016

Unter profunden Narzissten

Von Florian Keller

Schon mitbekommen? Roger Schawinski hat ein Buch über Narzissmus geschrieben, aber mit den Quellen hat er es offenbar nicht so genau genommen, wie ein Erbsenzähler vom «Tages-Anzeiger» vorrechnete. Skandalös! Doch wir wollen mal nicht so kleinlich sein, ein bisschen was bei Wikipedia abschreiben muss schon drinliegen für Schawinski, er hat es schliesslich erfunden, wie ja schon das Internet.

Pardon, dieser Witz war grad etwas schimmlig. Aber hier ein wunderschöner Satz, irgendwo zwischen Bewunderung und Missgunst: «Was ist das für ein Gefühl, wenn du in einen Raum kommst, und es ist wie im tiefsten Winter, und du bist die Sonne?» Nein, der ist nicht von Schawinski. So fragt ein trauriges Model in «The Neon Demon», dem neuen Werk des dänischen Fetischfilmers Nicolas Winding Refn («Drive»). Das ist auch eine Art Essay über Narzissmus und die Dämonen, die er so mit sich bringt. Elle Fanning als herzige Unschuld aus der Provinz kommt darin nach Los Angeles, um Model zu werden – und sieht sich in der Stadt der Träume bald umzingelt von unmenschlich schönen Mannequins, kalt wie Automaten. Der Starfotograf, der sie dann ablichtet, sieht aus wie ein Serienmörder, erweist sich aber als ungeheuer einfühlsam, wenn es darum geht, sein weibliches Objekt mit blossen Händen mit Goldfarbe einzuschmieren.

«The Neon Demon» ist eine grandios sterile Groteske von profunder Blödheit: ein Film über den Horror des Schönheitskults, ein Kino der reinen Oberflächen, das konsequenterweise rettungslos verliebt ist in seine eigenen Schauwerte. Und um seinem Ruf gerecht zu werden, tischt Nicolas Winding Refn nebst allerhand narzisstischen Verspiegelungen auch einiges an fleischlichem Bonusmaterial auf, als da wären: Kannibalismus und Nekrophilie (lesbisch), literweise Menstruationsblut und ein unverdauter Augapfel. Skandalös? Höchstens dann, wenn man nicht damit klarkommt, dass ein Film gleichzeitig sterbenslangweilig und wahnsinnig aufregend sein kann. Ob das für das Buch von Roger Schawinski auch gilt?

«The Neon Demon» leuchtet ab 23. Juni 2016 im Kino, Schawinskis Narzissmus gibts im Buchhandel.

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