Nr. 27/2016 vom 07.07.2016

Der freiwillige Abgang

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Letzten Freitag genoss die Menschheit einen köstlichen Sommerabend. Nur ich sass vor dem Fernseher und zog mir die «Arena»-Diskussion zum Thema Sterbehilfe rein.

Und da geschah Wundersames: Als konfessionslose Agnostikerin fand ich mich plötzlich einig mit einem katholischen Bischof und dem CVP-Präsidenten. Vielleicht nicht in jedem Detail, denn ich halte weder das Leben für ein Geschenk Gottes noch Suizid für eine Sünde. Und Selbstbestimmung ist auch mir ein hohes Gut. Doch die befürwortende Seite beschwor so vehement die Vorzüge eines freiwilligen Abgangs, dass mir mulmig wurde. Palliativmedizin war nur am Rand ein Thema, und eine Betreuung im Heim schien der «last exit to hell».

Aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft, die den Alten gern die Schuld am teuren Gesundheitssystem gibt und lieber eine halbe Milliarde für die Reparatur alter Armeelastwagen rausschmeisst, als das Pflegepersonal angemessen zu entlöhnen. Und die Angst, anderen zur Last zu fallen, gilt weitherum als Tugend. Da soll kein Druck entstehen?

Gemäss SP-Ständerat Daniel Jositsch (51) muss es übrigens die Möglichkeit geben, das Leben zu beenden, weil wir heute älter werden, «als es die Natur vorsieht». Ich wäre da vorsichtig. Gemessen an der Vorsehung der Natur, müssten wir schon um die vierzig ganz autonom den Löffel abgeben können.

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