Nr. 27/2016 vom 07.07.2016

Alles über ihre Mutter

Ein schmerzhafter Weg: In ihrem Roman «Herzvirus» gräbt Bettina Spoerri mit grösster Genauigkeit tief in den Erinnerungen an ihre Kindheit und ihre Mutter.

Von Maja Wicki

Die Mutter – sie ist für die Tochter hinter dem Schutzschild der Nähe das grosse Geheimnis: anwesend und fremd, zärtlich und schmerzhaft. Wie lassen sich die Schleier lüften, die Erinnerungen ordnen und klären, ohne dass verkrustetes Leiden aufgerissen wird? Wie lässt sich die Mutter verstehen, die selber längst tot ist und nicht mehr erklären kann, was ungeklärt blieb?

In ihrem Roman «Herzvirus» unternimmt die Schweizer Autorin Bettina Spoerri eine Annäherung an ihre eigene Mutter. Erinnerung und Vorstellungskraft vereinen und verdichten sich, vermögen schonungslos, das Vergangene in die Gegenwart zu versetzen, und drängen zu grösster Genauigkeit in der Sprache. Es gilt, die Sprache des Kindes wiederzufinden. Dieses lebt – beim Schreiben wie beim Lesen – wieder auf in der Sehnsucht nach der Mutter: nach dem Duft ihres Pullovers auf dem Bettkissen als Bannkraft gegen die Angst beim Einschlafen. Nach ihren flinken, geschickten und verbrauchten Händen, die beim Kochen und Flicken magische Fähigkeiten bewiesen. Nach den Büchern aus ihrem Büchergestell, die den Zugang zu anderen, neuen Welten ermöglichten, und nach ihrer unerschrockenen Präsenz gegenüber jeder boshaften Lehrerin – obwohl die Mutter selber grösste Angst vor Insekten hatte und kein Gift scheute, um diese auszumerzen.

An den Rändern

Grösste Genauigkeit wird gefordert, um in die Sprache der heranwachsenden Tochter zurückzufinden. Um überleben zu können, muss diese viel zu früh, noch vor der Adoleszenz, sich in schmerzhaftem Aufbegehren und Widerwillen von der Mutter und deren neuem Beziehungsgeflecht lösen. Sie wächst in die Sprache der Einsamkeit des Erwachsenwerdens hinein, um ohne die Gegenwart der Mutter beharrlich den eigenen Weg zu gehen.

Sprachlich ebenso präzise gilt es, dem Wechsel im Verhältnis zur Mutter gerecht zu werden: der Distanz zu ihr im analytischen Verstehen ihrer Ängste, ihrer Erschöpfung und Flucht an die existenziellen Ränder, wenn sie im Nebel von Zigarettenkonsum und Psychopharmaka zu entschweben versuchte. Der Weg ist schmerzhafter als jener zum fehlenden Vater, der in Bettina Spoerris erstem Roman «Konzert für die Unerschrockenen» (2014) indirekt ein wenig fassbar wurde, über die Dokumente von dessen Tante und in der Erforschung der Welt- und Zeitgeschichte, ohne dass sich die Fremdheit dadurch aufheben liess.

Bettina Spoerris Annäherung ist das Wagnis der Rückkehr zur Mutter, ausgehend von deren Tod, von der Vorstellung, wie sie an den Folgen des Herzvirus starb: Myokarditis, gemäss der Diagnose des Gerichtsmediziners, die mit der Erfahrung der Tochter übereinstimmt: «Das passt. Ihr Herz wurde infiziert, langsam vergiftet, paralysiert, es war zu viel für sie hier.»

Und so erweist sich, dass die Mutter ihr nah geblieben ist – trotz äusserer Ablösung und Tod, in der zermalmenden Widersprüchlichkeit von kindlicher Sehnsucht nach ihrer Nähe und Sehnsucht nach Befreiung, trotz des über Jahre fortgesetzten Versuchs der Verdrängung von Erinnerungen. Mit detektivischer Beharrlichkeit gilt es, in die Kindheit der Mutter und in die nie von ihr ausgesprochene Widerlichkeit des Kleinbürgertums einzudringen, aus der sie um jeden Preis aussteigen wollte.

Doch die gesellschaftlichen Bedingungen in der Nachkriegszeit hatten für sie keine andere, freiere und offenere Welt zugelassen als jene von erzieherischer Berufsarbeit und Ehe. Diese Welt verengte sich nach der Geburt von Sohn und Tochter, als sie durch das Verschwinden von deren Vater die alleinige Verantwortung für das Überleben und Heranwachsen der Kinder tragen musste. Daraus entstand ein bedrängendes Pflichtenkarussell, das Ermüdung und Abschwächung des Lebensmutes bewirkte. Unter prekärem wirtschaftlichem Überleben mussten Mutter, Sohn und Tochter von Wohnung zu Wohnung wechseln, um irgendwie den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu genügen.

Das Glück bricht zusammen

Die Form des Romans bringt es zustande, das Gefühl von mütterlicher Verlässlichkeit, von Besonderheit und Aussenseitertum wieder aufleben zu lassen. Das Gefühl, das trotz aller Einschränkungen den Kindern Erfahrungen des Glücks ermöglichte und sie allmählich stark werden liess. Das Glück aber brach zusammen, als die Mutter mit der neuen Beziehung, für die sie sich entschieden hatte, die Rückkehr ins verhasste Kleinbürgertum auf sich nahm.

«Herzvirus» ist ein hervorragender Roman, der im ersten Teil die Beziehungsgeschichte zwischen Tochter und Mutter aufrollt und im zweiten Teil mit grösster Sorgfalt das Gewebe von Mut und Traurigkeit und letztlich von Liebe durchsucht – einer Liebe, die unauslöschlich das Verhältnis zwischen Kind und Mutter prägt und die dem Mantra gerecht wird, das im Vorspann als Zitat aus Hanns Dieter Hüschs Lied zu finden ist: «Ich sing für die Verrückten, die seitlich Umgeknickten / Die eines Tags nach vorne fallen und unbemerkt von allen / Sich aus der Schöpfung schleichen, weil Trost und Kraft nicht reichen.»

Maja Wicki (1940–2016)

Wider das Unrecht, täglich

Nicht mehr aushaltbares, nicht länger ertragbares Unrecht: Davon hat Maja Wicki, Verfasserin der Buchrezension auf dieser Seite, oft gesprochen. Und ebenso oft hat sie dagegen gekämpft.

Vor knapp zehn Jahren habe ich ihr ein wenig bei der Organisation der Tagung «Unrecht darf nicht Recht werden» zum Schweizer Asylrecht geholfen. Mit Charme und Hartnäckigkeit schaffte sie es nicht nur, gewichtige ReferentInnen und ein breites, interessiertes Publikum zusammenzubringen sowie die Veranstaltung mit einem Kulturprogramm anzureichern, sondern auch die ganz praktischen organisatorischen Details im Auge zu behalten und sich um die gute Stimmung zu sorgen. Das politische, humanitäre Engagement forderte eben die ganze Person.

Begonnen hatte Maja Wickis Leben in eher traditionellen Bahnen. 1940 geboren, heiratete sie jung und zog vier Kinder gross. Später holte sie ein Philosophiestudium nach, mit einem Abschluss über Simone Weil, eine Autorin, die sie immer begleitet hat. Aber weil ihr das nicht genügte, schloss sie noch ein Studium der Psychologie und Traumatherapie an. Parallel dazu begann sie mit journalistischer Arbeit, wurde Redaktorin beim «Tages-Anzeiger» und beim «Magazin», entwickelte beim Schweizer Fernsehen die «Sternstunde Philosophie» mit, half dann beim linken Magazin «Moma» und schrieb später auch ab und an für die WOZ.

Vielfältig war sie politisch aktiv, für die Rechte der Frauen, gegen Rassismus, für Asylsuchende und Sans-Papiers, aber auch für andere Sprachlose in unserer Gesellschaft, etwa Kinder. Die Traumatherapie, die sie mit Versehrten aus den Kriegen in Exjugoslawien begann, ging immer wieder in praktische Hilfe über: Gänge zu den Behörden, Suche nach Lehrstellen. Mit Zeit und Geld war sie grosszügig bis zur Sorglosigkeit.

Denken als Prozess

1999 erlitt sie einen Hirnschlag, verlor jede Sprachfähigkeit. Zäh kämpfte sie sich zurück, erarbeitete sich ihr Leben neu, und vielleicht verstärkte sich dadurch noch die Kraft ihrer mündlichen Rede, mit der sie überwältigte und bezauberte.

In der Edition 8 habe ich zwei Bücher mit Aufsätzen von Maja Wicki herausgegeben, und das war ungemein lehrreich und anregend, aber nicht ganz spannungsfrei. Maja fand ja, Sprache und Denken seien ein fortlaufender Prozess, der nie zu einem Ende kommen sollte, während ich ganz pragmatisch fand, Druckerschwärze sei nun halt mal ein Mittel, diesen unendlichen Prozess zu einem provisorischen, vorläufigen, unbefriedigenden, aber doch eben: zu einem Ende zu bringen.

«Kreative Vernunft» heisst eines dieser Bücher, und darin propagiert Maja eloquent das Verbinden von Verstand und Emotionen – was sie selbst reichlich tat. Ihr Geschmack war exquisit, etwa in der Kleidung, die sie selbst schneiderte oder in Läden aufzuspüren verstand, von denen die modische Zürcher Avantgarde noch kaum gehört hatte. Auch ihre Essen waren berühmt, ebenso verfeinert wie üppig.

Sie schien unermüdlich, unbeugsam. Zuweilen konnten ihre Energie und ihr Enthusiasmus auch überfordern. Zuweilen fürchtete man um ihre Kräfte und wollte sie schützen, wenn ihre Anteilnahme sie fortriss. Aber so war sie eben, überschwänglich, verschwenderisch.

Jetzt, am 23. Juni 2016, mochte ihr starkes Herz nicht mehr.

Stefan Howald

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