«Herzvirus» : Alles über ihre Mutter

Nr. 27 -

Ein schmerzhafter Weg: In ihrem Roman «Herzvirus» gräbt Bettina Spoerri mit grösster Genauigkeit tief in den Erinnerungen an ihre Kindheit und ihre Mutter.

Die Mutter – sie ist für die Tochter hinter dem Schutzschild der Nähe das grosse Geheimnis: anwesend und fremd, zärtlich und schmerzhaft. Wie lassen sich die Schleier lüften, die Erinnerungen ordnen und klären, ohne dass verkrustetes Leiden aufgerissen wird? Wie lässt sich die Mutter verstehen, die selber längst tot ist und nicht mehr erklären kann, was ungeklärt blieb?

In ihrem Roman «Herzvirus» unternimmt die Schweizer Autorin Bettina Spoerri eine Annäherung an ihre eigene Mutter. Erinnerung und Vorstellungskraft vereinen und verdichten sich, vermögen schonungslos, das Vergangene in die Gegenwart zu versetzen, und drängen zu grösster Genauigkeit in der Sprache. Es gilt, die Sprache des Kindes wiederzufinden. Dieses lebt – beim Schreiben wie beim Lesen – wieder auf in der Sehnsucht nach der Mutter: nach dem Duft ihres Pullovers auf dem Bettkissen als Bannkraft gegen die Angst beim Einschlafen. Nach ihren flinken, geschickten und verbrauchten Händen, die beim Kochen und Flicken magische Fähigkeiten bewiesen. Nach den Büchern aus ihrem Büchergestell, die den Zugang zu anderen, neuen Welten ermöglichten, und nach ihrer unerschrockenen Präsenz gegenüber jeder boshaften Lehrerin – obwohl die Mutter selber grösste Angst vor Insekten hatte und kein Gift scheute, um diese auszumerzen.

An den Rändern

Grösste Genauigkeit wird gefordert, um in die Sprache der heranwachsenden Tochter zurückzufinden. Um überleben zu können, muss diese viel zu früh, noch vor der Adoleszenz, sich in schmerzhaftem Aufbegehren und Widerwillen von der Mutter und deren neuem Beziehungsgeflecht lösen. Sie wächst in die Sprache der Einsamkeit des Erwachsenwerdens hinein, um ohne die Gegenwart der Mutter beharrlich den eigenen Weg zu gehen.

Sprachlich ebenso präzise gilt es, dem Wechsel im Verhältnis zur Mutter gerecht zu werden: der Distanz zu ihr im analytischen Verstehen ihrer Ängste, ihrer Erschöpfung und Flucht an die existenziellen Ränder, wenn sie im Nebel von Zigarettenkonsum und Psychopharmaka zu entschweben versuchte. Der Weg ist schmerzhafter als jener zum fehlenden Vater, der in Bettina Spoerris erstem Roman «Konzert für die Unerschrockenen» (2014) indirekt ein wenig fassbar wurde, über die Dokumente von dessen Tante und in der Erforschung der Welt- und Zeitgeschichte, ohne dass sich die Fremdheit dadurch aufheben liess.

Bettina Spoerris Annäherung ist das Wagnis der Rückkehr zur Mutter, ausgehend von deren Tod, von der Vorstellung, wie sie an den Folgen des Herzvirus starb: Myokarditis, gemäss der Diagnose des Gerichtsmediziners, die mit der Erfahrung der Tochter übereinstimmt: «Das passt. Ihr Herz wurde infiziert, langsam vergiftet, paralysiert, es war zu viel für sie hier.»

Und so erweist sich, dass die Mutter ihr nah geblieben ist – trotz äusserer Ablösung und Tod, in der zermalmenden Widersprüchlichkeit von kindlicher Sehnsucht nach ihrer Nähe und Sehnsucht nach Befreiung, trotz des über Jahre fortgesetzten Versuchs der Verdrängung von Erinnerungen. Mit detektivischer Beharrlichkeit gilt es, in die Kindheit der Mutter und in die nie von ihr ausgesprochene Widerlichkeit des Kleinbürgertums einzudringen, aus der sie um jeden Preis aussteigen wollte.

Doch die gesellschaftlichen Bedingungen in der Nachkriegszeit hatten für sie keine andere, freiere und offenere Welt zugelassen als jene von erzieherischer Berufsarbeit und Ehe. Diese Welt verengte sich nach der Geburt von Sohn und Tochter, als sie durch das Verschwinden von deren Vater die alleinige Verantwortung für das Überleben und Heranwachsen der Kinder tragen musste. Daraus entstand ein bedrängendes Pflichtenkarussell, das Ermüdung und Abschwächung des Lebensmutes bewirkte. Unter prekärem wirtschaftlichem Überleben mussten Mutter, Sohn und Tochter von Wohnung zu Wohnung wechseln, um irgendwie den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu genügen.

Das Glück bricht zusammen

Die Form des Romans bringt es zustande, das Gefühl von mütterlicher Verlässlichkeit, von Besonderheit und Aussenseitertum wieder aufleben zu lassen. Das Gefühl, das trotz aller Einschränkungen den Kindern Erfahrungen des Glücks ermöglichte und sie allmählich stark werden liess. Das Glück aber brach zusammen, als die Mutter mit der neuen Beziehung, für die sie sich entschieden hatte, die Rückkehr ins verhasste Kleinbürgertum auf sich nahm.

«Herzvirus» ist ein hervorragender Roman, der im ersten Teil die Beziehungsgeschichte zwischen Tochter und Mutter aufrollt und im zweiten Teil mit grösster Sorgfalt das Gewebe von Mut und Traurigkeit und letztlich von Liebe durchsucht – einer Liebe, die unauslöschlich das Verhältnis zwischen Kind und Mutter prägt und die dem Mantra gerecht wird, das im Vorspann als Zitat aus Hanns Dieter Hüschs Lied zu finden ist: «Ich sing für die Verrückten, die seitlich Umgeknickten / Die eines Tags nach vorne fallen und unbemerkt von allen / Sich aus der Schöpfung schleichen, weil Trost und Kraft nicht reichen.»

Bettina Spoerri: Herzvirus. Braumüller Verlag. Wien 2016. 287 Seiten. 32 Franken