Nr. 34/2016 vom 25.08.2016

Die Kamera als Frau

Von Karin Hoffsten

Kein Mensch braucht ein Gegenüber aus Fleisch und Blut, um sich über seinen Kontostand oder Zugverbindungen zu orientieren, dafür genügt seit Jahrzehnten eine Stimme am Telefon. Weil Dienstleistungspersonal inzwischen auch optisch zugeschaltet werden kann, betreibt die Raiffeisenbank bereits virtuelle Bankschalter, und die SBB planen die Beratung per Videochat.

Charmantes Geplauder mit einer Kameralinse muss aber auch die Generation, die sich ununterbrochen auf dem Display selber verliebt zulächelt, erst lernen – am besten beim Profi. Die Raiffeisen engagierte Kurt Aeschbacher, und laut «Tages-Anzeiger» riet der einem übenden Angestellten: «Stell dir vor, die Kamera sei eine Frau.»

Seither beschäftigt mich die Frage: Wieso eine Frau? Rät Aeschbacher Frauen, einen Mann zu imaginieren? Hatte er den Übenden zuvor nach seiner sexuellen Orientierung gefragt? Was sieht er, der die seine offen lebt, wenn er in die Linse guckt? Und wen soll sich die ganze LGBT-Community vorstellen, wenn sie für die Kamera übt?

Aber vielleicht hat der Rat ja gar nichts mit erotischer Anziehung zu tun, sondern nur mit einem verbreiteten Frauenbild: Frau hat Fragen, Frau ist hilflos, Frau will angelächelt werden. Und wenn sie das nicht will, trägt sie eine Burka.

Womit ich das zurzeit meistdiskutierte unnötige Thema hier auch noch untergebracht hätte.

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