Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

Der verstummte Popstar

Von Florian Keller

Kann ein langsames Verstummen ein Akt der Rebellion sein? In der Musikindustrie schon, und so gesehen ist er einer der grössten lebenden Rebellen seiner Gilde. Vorsätzlich, in aller Ruhe und absolut selbstbestimmt hat er sich ins künstlerische Exil zurückgezogen.

Dabei deutete zu Beginn nichts darauf hin, dass er dereinst als freies Radikal an den Rändern des Popgeschäfts enden würde. Das erste Album seiner Band bot synthetischen Pop zwischen Depeche Mode und Human League, nur seine weinerliche Stimme klang schon damals wie aus einer anderen Welt. Und mit seinen abstehenden Ohren taugte er ohnehin nicht recht zum Posterboy. Schon auf der zweiten Platte wurden die Arrangements raffinierter, und seltsame Safarigeräusche leiteten seinen grössten Hit ein, der noch heute an jeder Eighties-Disco gespielt wird. Inspiriert ist der Song von «Der Würfler», einem Roman über einen gelangweilten Therapeuten, der alle Entscheidungen seines Lebens einem Würfel anvertraut.

Von nun an bewegte sich unser Mann zielstrebig weg vom Pop, hinein in eine intime, organisch atmende Kammermusik. Weil seine Ideen zu anspruchsvoll für die Bühne waren, spielte die Band schon bald keine Konzerte mehr. Der Gesuchte zog aufs Land und verkroch sich in einer alten Kirche in Suffolk, wo er, befreit von kommerziellen Zwängen, sein Meisterwerk schuf: ein flirrendes Wunderding der Zerbrechlichkeit, jenseits aller Kategorien und wie aus der Zeit gefallen, manchmal lärmig, immer kurz vor dem Zerbröseln.

Einer britischen Zeitschrift, die sich diese Evolution ins Abseits nicht erklären konnte, fiel später nichts Besseres ein, als ihm eine Heroinsucht anzudichten. Es folgte noch ein Album von ähnlich opulenter Kargheit, seine letzte Platte veröffentlichte er dann unter eigenem Namen. Das ist bald zwanzig Jahre her, danach kam – nichts mehr.

Ein verschrobener Eremit, abgewandt von allem Weltlichen? Keineswegs: Seit 1996 lebt er wieder in seiner Geburtsstadt London, weil er wollte, dass seine beiden Söhne in einem kosmopolitischen Umfeld aufwachsen. Musik spielt er nur noch für sich selber, wie er vor achtzehn Jahren in einem seiner letzten Interviews sagte: «Ich spiele Klavier, um Klavier zu spielen.» So wirds wohl heute noch sein, wie schade.

Wie heisst der musikalische Frührentner, der eigentlich Kinderpsychologe werden wollte?

Wir fragten nach dem britischen Musiker Mark Hollis (61). Als Sänger von Talk Talk stand er einst mit «Such a Shame» (1984) fünf Wochen auf Platz eins der Schweizer Singlehitparade.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch