Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Wir und die Wahrscheinlichkeit

Von Karin Hoffsten

Heerscharen trügen zurzeit ihren 13. Monatslohn zu den Lottoannahmestellen, erzählte eine Kioskangestellte in der Sendung «10 vor 10», denn mit 55 Millionen platzt der Jackpot schier aus den Nähten.

Dabei könnten die Hoffnungsvollen ihr Geld genauso gut gleich verbrennen oder schön essen gehen; im selben Beitrag sagte nämlich ein Mathematiker: «Bei einem Autounfall im laufenden Jahr umzukommen, ist tausendmal wahrscheinlicher, als den Jackpot zu knacken.» Es falle den Menschen schwer, Unwahrscheinliches einzuschätzen, von sehr Unwahrscheinlichem ganz zu schweigen.

So reagierten denn auch einige Lottospielende empört, als sie in der «Tagesschau» darauf angesprochen wurden, dass bei einem Lottogewinn kantonal unterschiedliche Steuerabzüge drohten: Den Kantönligeist könne man mal abschaffen, gerade beim Lotto sollten doch alle gleich sein, tönte es; bei virtuellen Millionen blüht der Gerechtigkeitssinn.

Übertrüge der Mensch den Eifer, mit dem er jetzt seinen Lottogewinn imaginiert, auf den Strassenverkehr, würde er damit rechnen, an der nächsten Ecke totgefahren zu werden, und verliesse freiwillig nicht mehr das Haus. Und weil auch ein natürlicher Tod eher eintreten dürfte als ein Lottogewinn, ginge kaum noch jemand gerne zu Bett.

Zum Glück verstehe ich nichts von Wahrscheinlichkeitsrechnung.

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