Nr. 05/2017 vom 02.02.2017

Die unbeugsame Börsenmaklerin

Von Brigitte Matern

«Es kann Prostitution in der Ehe geben und fairen Handel im Bordell. Es kommt auf die Bedingungen an, unter denen der Akt stattfindet», erklärte sie. Die bürgerliche Doppelmoral ging ihr gehörig auf die Nerven. Sie wollte lieben, wen und wie lange sie wollte, ohne staatliche Einmischung. Und wenn man sie deswegen verurteilte – nur zu! Sie wusste genug über ihre heuchlerischen KritikerInnen und hatte keine Hemmungen, dieses Wissen auch einzusetzen.

Zur Welt gekommen war die forsche Frauenrechtlerin 1838 als siebtes von zehn Geschwistern in Homer im US-Bundesstaat Ohio. Inmitten von Dreck, Armut und Gewalt lebte ihre Familie vom Verkauf dubioser Heilwässerchen, von Prostitution, Hellseherei und Erpressung. Zeit für die Schule blieb da wenig; doch die selbstbewusste Tochter wusste früh, dass sie einmal reich und bedeutend sein würde. Das hatte ihr in einer Vision Demosthenes verraten (dessen Namen sie damals allerdings noch nicht kannte).

Der erste Versuch, dem Elend zu entkommen, ging daneben; mit fünfzehn Jahren heiratete sie einen Arzt, der sich als schwerer Trinker erwies. Sie zogen in die Goldgräberstadt San Francisco, wo sie als Bühnengirl, spiritistisches Medium und Heilerin arbeitete. Nach dem zweiten Kind reichte sie die Scheidung ein. Und lernte bald einen Richter und Armeeoberst kennen, den der gerade beendete Sezessionskrieg aus der bürgerlichen Bahn geworfen hatte. Von ihm erfuhr sie, dass es hierarchiefreie Formen des Zusammenlebens gab und Gesellschaftsentwürfe ohne Armut und Unterdrückung.

Als sie 1870 der schwächelnden Frauenbewegung (ungebeten) unter die Arme griff, indem sie ihre Kandidatur als US-Präsidentin bekannt gab, war sie gut munitioniert, was sozialistische Ideen und die Arbeiterbewegung anging. Auch an Bekanntheit mangelte es nicht, seit sie in New York das erste frauengeführte Börsenunternehmen eröffnet hatte. Doch Sozialismus und Feminismus – das ging selbst vielen Frauenrechtlerinnen zu weit; hinzu kam die Furcht vor einer Revolution, nachdem es im Frühjahr 1871 in Paris zum Aufstand gekommen war. Und dann legten sich auch noch die Genossen quer und schlossen die von ihr gegründeten New Yorker Sektionen aus der Ersten Internationale aus.

Wer war die eloquente Radikale, die ihrer Zeit weit voraus war und am Tag der Präsidentenwahl im Gefängnis sass?

Wir fragten nach der US-Frauenrechtlerin und Publizistin Victoria Woodhull (1838–1927). Das Programm der ersten Präsidentschaftskandidatin der USA umfasste unter anderem die Abschaffung der Ehegesetze und der Todesstrafe, die Einführung des Achtstundentags und die Einsetzung eines internationalen Gerichtshofs bei zwischenstaatlichen Konflikten. In ihrem Büro an der Wall Street hing das Schild: «Herren tragen ihr Anliegen zügig vor und ziehen sich dann umgehend zurück». Buchtipp: Antje Schrupp: «Vote for Victoria! Das wilde Leben von Amerikas erster Präsidentschaftskandidatin Victoria Woodhull» (Ulrike Helmer Verlag, 2016).

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