Nr. 21/2017 vom 25.05.2017

Der «blinde Fleck»

Gespräch über die Revolution: «Ist dieses Konzept noch brauchbar?», WOZ Nr. 17/2017

Ich bin regelmässige Leserin Ihrer Onlinebeiträge und schätze diese sehr, da die gut recherchierten Artikel für mich eine bereichernde Ergänzung des alltäglichen Mainstream der «gewohnten» Medienlandschaft darstellen.

Nach der Lektüre dieses Beitrags war ich hingegen zutiefst enttäuscht, dass Sie es auf sieben Seiten zum Thema «Revolution» – wobei man sogar die 1 : 12-Initiative erwähnt – nicht geschafft haben, Ereignisse zu erwähnen, die Europa im letzten Jahrhundert massgeblich geprägt haben: den blutig niedergeschlagenen Ungarischen Aufstand 1956, die Massenflucht aus der DDR, die durch den Mauerbau 1961 eingedämmt wurde, den Prager Frühling 1968, die Solidarnosc-Bewegung noch vor Gorbatschows Perestrojka in den achtziger Jahren und dann natürlich den Fall des Eisernen Vorhangs 1989, der 1991 im Zerfall der Sowjetunion und der schrittweisen Emanzipation ihrer letzten Verbündeten mündete. Waren das gemäss Ihrem Verständnis keine Revolutionen oder zumindest «revolutionäre» Bewegungen? Und gerade das Jahr 1989! In Deutschland fiel die Mauer, in der Tschechoslowakei fand die friedliche «Samtene Revolution» statt, und Ceaucescus Soldaten gingen mit blutiger Gewalt gegen die eigenen Bürger vor, weil sie, wie viele Bürger in den übrigen Ostblockstaaten auch, auf die Strasse gingen und Freiheit wollten.

Revolution hat für mich in allererster Linie etwas mit Zivilcourage zu tun, die darin begründet ist, dass man bereit ist, persönlich etwas zu riskieren – den eigenen guten Ruf, die Arbeitsstelle, die Freiheit, Wohlstand, das Recht, eine Familie zu gründen, das Recht, zu studieren, und sogar das eigene Leben – um für Menschenrechte, die einem zustehen, zu kämpfen. Diese Leute, die 1989 auf die Strasse gingen, haben wirklich etwas riskiert. Sie erkannten die Chance des Augenblicks und nahmen die Risiken ganz bewusst in Kauf. Niemand wusste damals, wie es ausgehen würde, glauben Sie mir!

Wenn jene Ereignisse unter den Diskutierenden zum Thema «Revolution» keinen Platz haben, dann läuft etwas grundsätzlich falsch im linken Lager, und zwar in Bezug auf das Thema Vergangenheitsbewältigung. Denn auf meine Reaktion hin schrieb mir die Redaktion noch: «Das Abschütteln der sklerotischen osteuropäischen Diktaturen, die Rückkehr dieser Länder in ein bereits bekanntes System, ist uns vielleicht deshalb nicht zum Thema geworden, weil es daran aufgrund der Vorgeschichte ja nicht viel zu kritisieren gab.» Rückkehr in ein bestehendes System? Nach über drei Generationen in der Sowjetunion, dessen Vorläufer, das Zarenreich Russland, eine Monarchie war? Und nach ganzen zwei Generationen in den Staaten des Warschauer Pakts? Das würde ja heissen, dass sich an dem «bekannten» System, also dem westlichen, während über einem halben Jahrhundert nichts verändert hat. Und dass ein halbes Europa im Handumdrehen einfach wieder in das «alte» System zurückgerutscht sei. Das klingt ja fast nach Geschichtsverfälschung …

Nichtsdestotrotz bin ich dankbar, dass durch dieses Interview für mich der Anlass zu diesem Leserinnenbrief entstanden ist. Danke auch für die Aufforderung, ihn zu schreiben, damit es «nicht verloren geht». Es soll aber nicht nur «nicht verloren gehen», sondern jetzt muss die Aufarbeitung der beschriebenen geschichtlichen Epoche folgen – und zwar dringend von den Linken! Dieser blinde Fleck behält trotz des Verschweigens seine Wirkung. Dieser «Müll» gärt weiter. Und er gärt nicht nur, sondern birgt die Gefahr in sich, durch das Festhalten an veralteten Rezepten die rechtsextremen Strömungen zu beflügeln. Wir alle sind Zeugen davon, und es geht uns etwas an!

Katarina Kliestenec, per E-Mail

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