Nr. 23/2017 vom 08.06.2017

Der surrealistische Trompeter

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Er starb mitten während einer Filmvorführung. Und zwar nicht irgendeiner: Es war die von ihm nicht gebilligte Verfilmung seines Romans, die sein krankes Herz versagen liess. Da war er gerade mal 39 Jahre alt und hatte sowohl als Autor wie auch als Liederschreiber für Furore gesorgt.

Seinen 1947 erschienenen Roman hatte er nach einer Wette mit einem Verleger verfasst: Er könne innerhalb zweier Wochen einen Roman schreiben, der sich genauso gut verkaufen würde wie die Bücher der US-Autoren – diese fanden im Frankreich der Nachkriegszeit einen enormen Absatz. Er gewann die Wette. Sein unter einem Pseudonym erschienener Roman, in dem ein Schwarzer mit weissen Frauen herumvögelt und schliesslich die zwei schönsten und reichsten tötet, als Rache für seinen Bruder, der von Weissen ermordet wurde, verkaufte sich so gut, dass der Verleger seinen Verlag sanieren konnte. Als ein Jahr später die Identität des Autors bekannt wurde, wurde sein Buch als «jugendgefährdendes Schrifttum» verboten.

1954 war es ein von ihm geschriebenes und interpretiertes Chanson, das die Gemüter erhitzte: Als sein gesungener Brief an den Präsidenten zum ersten Mal am Radio lief, empörte es gewisse Politiker dermassen, dass dessen Ausstrahlung bis zum Ende des Algerienkriegs 1962 verboten blieb.

Aufgewachsen war der spätere Schriftsteller, Übersetzer, Gelegenheitsschauspieler und Leiter der Jazzplattenabteilung bei Philips in einem Pariser Vorort, als Sohn einer wohlhabenden Familie, die jedoch in der Zwischenkriegszeit verarmte. Der leidenschaftliche Jazztrompeter spielte während der deutschen Besatzungszeit in Pariser Clubs, später holte er US-Musiker wie Duke Ellington und Miles Davis nach Paris, und sein Spiel soll Serge Gainsbourg zum Liederschreiben inspiriert haben. Er verkehrte mit den ExistenzialistInnen, Jean-Paul Sartre gehörte zu seinen Förderern. Seine zahlreichen Theaterstücke und Romane waren zeit seines Lebens nicht sehr erfolgreich, er fühlte sich unverstanden und schrieb seiner Frau: «Es ist merkwürdig: Wenn ich seriös schreibe, denkt man, das sei ein Schabernack. Wenn ich witzig schreibe, hält man es für ernst.» Jahre nach seinem Tod wurde sein fantastisches Werk wiederentdeckt, in dem etwa mit dem Vermögen auch das Haus schrumpft oder eine Seerose im Lungenflügel einer Frau wächst, die nur mit dem Duft anderer Blumen gestoppt werden kann.

Wer war der surrealistische Poet, dessen erste Ehefrau ihn für Sartre verliess und dessen zweite Ehefrau eine Schweizer Tänzerin und Tochter eines Journalisten war? Silvia Süess

Wir fragten nach dem französischen Schriftsteller und Trompeter Boris Vian (1920–1959). Sein Roman «Ich werde auf eure Gräber spucken» erschien unter dem Pseudonym Vernon Sullivan. Er ist, wie auch sein – jüngst von Michel Gondry verfilmtes – Kultbuch «Der Schaum der Tage» neu vom Verlag Wagenbach herausgegeben worden. Vian war mit Michelle Léglise verheiratet sowie in zweiter Ehe mit Ursula Kübler, der Tochter von «Du»-Gründer Arnold Kübler.

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