Nr. 33/2017 vom 17.08.2017

Ein grosses Herz auf der kargen Insel

Von Anna Wegelin

Astrid, promovierte Literaturwissenschaftlerin Anfang vierzig, führt ein unaufgeregtes Leben in geregelten Bahnen. Doch sie hegt ein wunderliches Projekt, das sie einfach nicht loslässt: Sie will auf den Färöern Volkserzählungen sammeln, die von Nissen, Trollen und «Meermenschen» handeln. Diese beglückenden oder verstörenden Wesen einer anderen Dimension, so erfahren wir in Verena Stössingers neuem Roman «Die Gespenstersammlerin», haben es Astrid schon als Kind angetan: «Sie wichen nicht aus. Das hat ihr gefallen. Sie wehrten sich. (…) Sie waren da und stellten sich. Anders als die feigen Gespenster, die es in der Familie gab.»

178 Tage und Nächte verbringt Astrid in der rauen Inselwelt im hohen Norden, und was sie in der meist wohltuenden, manchmal ungemütlichen Abgeschiedenheit erlebt, führt sie, die es gerne klar hat und überaus vernünftig ist, näher zu ihren Gefühlen. Als Astrid den Einheimischen Pætur näher kennenlernt, kauzig und ebenfalls von der schreibenden Zunft, rücken ihr einerseits die «feigen Gespenster» ihrer Familiengeschichte auf den Leib. Andererseits hilft ihr Pætur loszulassen, und das Rastlose in ihr verliert sich vorübergehend im Nebel, der die Inseln einhüllt.

Intensität und Drama spielen sich bei Verena Stössinger in den Gedanken und Gefühlen ihrer Figuren ab. In «Die Gespenstersammlerin» finden diese inneren Regungen und Turbulenzen ihren sichtbaren Ausdruck in Landschaft, Licht und Farben der Färöer, wie sie Stössinger bereits in der Anthologie «Von Inseln weiss ich …» (2006) zusammengetragen hat. Das ist die grosse Stärke dieses wiederum so fein geschriebenen Buchs: In einfachen Sätzen und ohne ein Wort zu viel lässt sie uns unmittelbar erfahren, wie es ist, wenn die Distanz vom Erzählten zur Erzählung verschwindet.

Analog dazu schreibt die Autorin ihrem Alter Ego eine Verwandlung zu, die vorübergehend befreiend auf Astrid wirkt. Das ist geheimnis- und auch verheissungsvoll, wie das Motto von Ursula Krechel, das Stössinger dem Roman gibt: «Der Mensch muss ein grosses Herz haben, damit ein Schiff darin wenden kann.»

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