Nr. 34/2017 vom 24.08.2017

Der fiese Plan des Untermieters

Von Rahel Locher

Die drei Töchter Jardena, Simona und Orna, alle häufig frustriert über ihr Leben, eine rumänische Hausangestellte ohne Papiere und die mehr oder weniger pflegebedürftige Mutter Hannah, die auf ihre alten Jahre nochmals richtig aufdreht: Dies sind die Hauptfiguren im Roman «Zu blaue Augen» der israelischen Autorin Mira Magén. Die fünf Frauen wohnen in einem grossen Haus in Jerusalem, vor dem stets rote Blusen flattern, aufgehängt von der Rumänin Johanna als Schutz vor dem bösen Blick und den Behörden. Letztere schleichen sich in der Person eines Untermieters in das Haus ein, so zumindest der Verdacht Johannas, die dem neuen Mieter feindselig gegenübertritt.

Tatsächlich verfolgt er einen Plan, dem die Hausbewohnerinnen schliesslich fast zum Opfer fallen. Er stört das fragile Gleichgewicht in diesem Kammerspiel, dessen eigenwillige Figuren zwar durchaus in teils skurrilen Situationen aneinandergeraten, die aber gleichzeitig einen respektvollen Umgang miteinander pflegen. Die grossen Veränderungen nähern sich inmitten des Alltagstrotts fast unbemerkt: Wer hätte auch gedacht, «dass die Alte in irgendeiner Einrichtung einen greisen Bruno finden und sich für ihn entflammen würde! Wer hätte gedacht, dass Simona, dieses stille Wasser, plötzlich sagen würde: Ich mache ein Kind.» Und auch aus der Vergangenheit sprudeln die Geheimnisse nur so an die Oberfläche. Wieso etwa hat der längst verstorbene Mann Hannahs ihr verheimlicht, dass er einen Bruder hat?

Wie schon in ihren vorherigen Romanen arbeitet Magén mit einschneidenden Lebensereignissen, die die ProtagonistInnen zeitlebens verfolgen. Allerdings sind die Schicksalsschläge in «Zu blaue Augen» weniger dramatisch und damit auch weniger geeignet, einen starken Spannungsbogen zu erzeugen, den Magén in anderen Geschichten so gekonnt aufzubauen weiss. Gleichwohl besticht die Autorin auch in ihrem neusten Roman mit ihrem feinen psychologischen Gespür und einer sorgfältigen Sprache, charakterisiert durch den melancholischen Grundton.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch