Nr. 09/2018 vom 01.03.2018

Aus den Fugen geraten

Von Rahel Locher

Als Dvorah Edelman das Arbeitszimmer ihres vor einem Jahr verstorbenen Ehemanns Michael aufräumt, stösst sie auf den alten Anrufbeantworter: «Schalom, Sie sind verbunden mit dem Anschluss der Familie Edelman. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Piepton und wir rufen baldigst zurück.» Die Stimme Michaels. Und Dvorah beginnt, in die Leere nach dem Ton über die vergangenen Wochen zu erzählen. Wochen, in denen sich Dinge zugetragen haben, die ihr Leben auf den Kopf gestellt haben und die sie irgendwie loswerden muss.

Dvorah ist eine von drei ProtagonistInnen, die der israelische Autor Eshkol Nevo in «Über uns» zu Wort kommen lässt. Auch wenn die Erzählungen im selben Haus angesiedelt sind, überkreuzen sich die Momentaufnahmen aus dem Leben der drei Figuren nur am Rand. Von der Struktur her gleichen sich die Geschichten jedoch. Innerhalb weniger Tage ereignet sich Einschneidendes, das nach einem Ventil sucht – sei es in der Gestalt eines Anrufbeantworters, eines Zuhörers im Café oder einer guten Freundin: Ihnen vertrauen sich die ProtagonistInnen an. Langsam kristallisiert sich aus ihren lebendigen und chaotischen Berichten ein zentrales Ereignis heraus.

Bei Dvorah steht ein Kontaktabbruch im Vordergrund: Als der Sohn Adar straffällig wird und darüber hinaus keine Reue zeigt, wird er vom Vater verstossen. Michael ist Richter mit strengen moralischen Vorstellungen, die sich auch Dvorah, selbst Richterin, zu ihren eigenen gemacht hat. Nun fragt sie sich plötzlich: Hat sie sich zu wenig für ihren Sohn eingesetzt? Sich zu leichtfertig entschieden, als Michael sie vor die Wahl stellte: «Er oder ich»?

Auch die anderen beiden ProtagonistInnen hinterfragen sich, loten andere Handlungsmöglichkeiten aus, versuchen, ihren Entscheidungen Sinn zu verleihen, sie mitunter vor sich selbst zu rechtfertigen. Die drei Ich-ErzählerInnen ziehen die Lesenden mit in einen Strudel aus dunklen Geheimnissen und inneren Widersprüchen und lassen sie in tiefe Abgründe blicken.

Lesung und Gespräch im Aargauer Literaturhaus Lenzburg am Mittwoch, 21. März 2018, um 19.15 Uhr.

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