Nr. 35/2017 vom 31.08.2017

Der verantwortungsvolle Antikommunist

Von Brigitte Matern

«I need blood», meldete der 34-jährige Pentagon-Angestellte dem Stab in Vietnam: Das US-Verteidigungsministerium benötigte dringend Bilder grausamer Aktionen des verfeindeten kommunistischen Vietcongs. Viel fand sich nicht auf die Schnelle. Ein Foto zweier an Ketten durch den Dreck geschleifter US-Soldaten musste genügen, um zu zeigen, dass die Intensivierung des Kriegs unumgänglich war. Als am 7. Februar 1965 die U. S. Air Force mit dem Flächenbombardement Nordvietnams begann, war der spätere Alternativnobelpreisträger allerdings nicht glücklich. Obwohl er als Berater die Eskalationsoption mit ausgearbeitet hatte, hielt er diese Strategie für falsch. Bis er zum «gefährlichsten Mann in Amerika» wurde (so Henry Kissinger), dauerte es allerdings noch sechs Jahre.

Hätte er die Konzertpianistenlaufbahn beschritten, wie die Mutter es gewünscht hatte, wäre das Leben des 1931 in Chicago geborenen Wissenschaftlers vermutlich harmonischer verlaufen. Doch das Herz des überzeugten Antikommunisten schlug für die Armee. Er studierte Ökonomie, diente bei den US-Marines und promovierte über «Risiko, Ungewissheit und Entscheidung». Die Rand Corporation, mächtige Denkfabrik der US-Streitkräfte, nahm den hochintelligenten Offizier mit Handkuss – und nach seinem Intermezzo im Pentagon und zwei Jahren Vietnam 1967 auch gern wieder zurück.

Einblick in delikate Verschlusssachen hatte er zuvor schon. Die «Pentagon-Papiere» jedoch, eine höchst geheime Studie über das US-Engagement in Vietnam, verschlugen ihm den Atem. Sämtliche Manipulationen und offensichtliche Fehlentscheidungen der US-Regierungen und Geheimdienste seit 1945 waren darin dokumentiert. Dieser Krieg war auf Lügen aufgebaut, er musste gestoppt werden! Und so kopierte er den 7000-Seiten-Bericht und hoffte (lange vergeblich), dass der Kongress, die Presse das heisse Eisen anpackten.

Als im Juni 1971 die «New York Times» endlich mit der Veröffentlichung begann, fuhr die US-Regierung alle Geschütze auf: Dem «Hurensohn» (O-Ton Richard Nixon) drohten 115 Jahre Gefängnis. Dass der zuständige Richter sich nicht bestechen liess und zudem aufflog, dass eine «Klempnertruppe» illegal Informationen über den Whistleblower beschafft hatte, war sein Glück. Der Prozess platzte.

Wie heisst der bis heute aktive Kriegsgegner, der von der Polizei vermöbelt und siebzigmal verhaftet wurde und für den Edward Snowden ein Held ist?

Wir fragten nach dem US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und Friedensaktivisten Daniel Ellsberg (*1931), der 2006 den Alternativen Nobelpreis erhielt. «Klempnertruppe» nannte man die Einbruchspezialisten von FBI und CIA, die auch den Watergate-Skandal auslösten, der 1974 Nixons Ende besiegelte.

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