Nr. 41/2017 vom 12.10.2017

Emotionen und Quoten

Im Namen des Volkes gegen die da oben: Wie Medien und PopulistInnen gegenseitig voneinander profitieren.

Von Matthias Zehnder

12,6 Prozent der Stimmen holte die Alternative für Deutschland (AfD) bei den Bundestagswahlen. Eine über Monate überhitzte AfD-Berichterstattung hat mit zum Grosserfolg der Rechtspartei beigetragen. Bloss: Warum ist das so? Wie kommt es, dass von 141 Talkshows, die ARD und ZDF 2016 ausgestrahlt haben, sich über die Hälfte mit dem Themenkomplex Flüchtlinge, Islam, AfD und Radikalisierung beschäftigt haben?

Der Grund: Immer mehr Medien funktionieren immer stärker nach der Aufmerksamkeitslogik. Sie definieren sich über Verkaufszahlen und vor allem über Klicks im Internet. Ziel dieser Medien ist es, die Aufmerksamkeit der LeserInnen oder ZuschauerInnen zu erlangen.

Diese holt man sich mit einem Mechanismus, der sich in drei Worten zusammenfassen lässt: emotionalisieren, skandalisieren, personalisieren. Die Menschen spricht man mit (grossen) Emotionen an, nicht mit Argumenten. Es darf dabei nicht einfach um Nachrichten gehen, es muss sich um Skandale handeln. Es muss um Menschen gehen, um Schicksale, um grosse Aufstiege, um noch grössere Abstürze.

Im Aufregungsmodus

Emotionen bringen Quote – und Aufregung ist die billigste Emotion. Wenn Alexander Gauland in einer Rede erklärt, dass die Deutschen ein Recht darauf hätten, «stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen», ist das ein Skandal – aber ein präzise kalkulierter, der im Hinblick auf diese Medienmechanik hin inszeniert ist. Das geht aus einem Strategiepapier hervor, das die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) im Dezember 2016 veröffentlicht hatte. «Die AfD will im Bundestagswahlkampf mit Provokationen und Tabubrüchen auf sich aufmerksam machen», schrieb die FAZ damals. Laut Strategiepapier wollte die AfD mit «sorgfältig geplanten Provokationen» die anderen Parteien und die Medien zu nervösen und unfairen Reaktionen verleiten. Je mehr die AfD von ihnen stigmatisiert werde, «desto positiver ist das für das Profil der Partei», heisst es laut FAZ in dem Papier. Diese Strategie ist aufgegangen.

Dass «Blick» und «Bild» darauf einsteigen – geschenkt. Dass «Spiegel» und «Tages-Anzeiger» mitziehen – traurig und schwer nachzuvollziehen, aber letztlich deren Sache. Unverständlich ist, dass öffentlich-rechtliche Sender wie ARD, ZDF und auch SRF voll in den Kampf um Aufmerksamkeit einsteigen. Diese Sender sind (zu einem grossen Teil) mit Gebührengeldern finanziert. Sie sollten es sich leisten, nicht auch noch Öl ins Feuer zu giessen, sondern über Löschmöglichkeiten nachzudenken. Das heisst nicht etwa, dass sie nicht über die AfD oder über Themen wie die sogenannte Flüchtlingskrise berichten können – bloss nicht immer im Aufregungsmodus.

Das Resultat ist Boulevardpolitik

Längst haben auch in der Schweiz PolitikerInnen diese Mechanismen durchschaut und bedienen sie nach Kräften. Christoph Blocher ist ein Meister darin, gezielt Provokationen zu platzieren, die die Medien dankbar aufgeregt aufnehmen. Roger Köppel, Andreas Glarner und andere machen es ihm nach. So gehen Politik und Medien eine Symbiose ein im Kampf um die Aufmerksamkeit. Das Resultat dieser ist Boulevardpolitik; eine Politik, deren Ziel nicht das Lösen von Problemen, sondern die Aufmerksamkeit der Bürger ist. Boulevardpolitik – oder anders gesagt: Populismus.

Populistische Politik ist aufmerksamkeitsorientierte Politik; Medien und PopulistInnen profitieren voneinander. Populistische Politik und eine aufmerksamkeitsorientierte Publizistik sind natürliche Partner. Das Funktionsprinzip eines populistischen Politikers ist die Sensation. Er tritt im Namen des Volkes gegen die da oben an. Er ist der Auserwählte, der das auserwählte Volk errettet und «great again» macht. Diese Eigenschaften machen populistische PolitikerInnen zum Lieblingsobjekt der Medien.

Lange Zeit haben PolitikerInnen die Medien gebraucht, um gross zu werden. Heute ist es auch umgekehrt: Die Medien brauchen populistische PolitikerInnen, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Die Medien sitzen in der Aufmerksamkeitsfalle. Das ist fatal. Denn Populismus führt im Endeffekt zu einer illiberalen Demokratie, einer antielitären und antipluralistischen Tyrannei der Mehrheit. Auf diese Weise wird letztlich die Aufmerksamkeitsfalle zur Gefahr für die liberale Demokratie.

Matthias Zehnder ist freischaffender Publizist in Basel. Sein neues Buch «Die Aufmerksamkeitsfalle. Wie die Medien zu Populismus führen» ist im Zytglogge Verlag erschienen.

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