Nr. 42/2017 vom 19.10.2017

Gekonnte Reflexion über die Geschichte

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Der Sonntagabendkrimi beginnt mit einer klassischen Situation: Leiche in der Badewanne. Doch bald entwickelt sich daraus ein veritables Geschichtsdrama. Der Exgatte der Toten ist überzeugt, dass es sich um Mord handelt, obwohl die Staatsanwaltschaft den Fall bereits eingestellt hat. Verdächtigt wird der Geliebte der Frau, der als Althippie in einer Gartensiedlung oberhalb von Stuttgart haust. Dieser entpuppt sich als V-Mann des Geheimdiensts. Die Spur läuft zurück zur Todesnacht von Stammheim am 18. Oktober 1977. Ein Zeuge soll damals bestätigt haben, AnwältInnen hätten den RAF-Mitgliedern die Waffen in die Zellen geliefert. Dies habe als Beweis gedient, dass sie sich das Leben genommen hätten. Handelt es sich beim V-Mann um diesen Zeugen? Was ist in Stammheim tatsächlich passiert?

Die «Tatort»-Folge «Der rote Schatten» hat in Deutschland für Ärger gesorgt. In der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» warfen RAF-Kenner Stefan Aust und Wolfgang Kraushaar dem Film vor, er vermische Fakten und Fiktion. Es gebe keine Zweifel, dass Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe sich selbst umgebracht hätten. Dass im «Tatort» in täuschend echten Super-8-Aufnahmen ein Killerkommando zu sehen ist, das in ihre Zellen eindringt, findet Aust «gefährlichen Unsinn».

Die Verärgerung der Experten ist selbst ärgerlich. Was Regisseur Dominik Graf zeigt, ist keine Wiederholung von Verschwörungstheorien, sondern eine gekonnte Reflexion über die Geschichte. Indem er sich erlaubt, zu den fetischhaft zitierten dokumentarischen Bildern von Benno Ohnesorg oder Hanns Martin Schleyer neue, erfundene Aufnahmen hinzuzufügen, dringt er zum eigentlichen Trauma des deutschen Herbstes vor: wie stark die beiden Seiten, die TerroristInnen und die Staatsmacht, gegenseitig aufeinander angewiesen waren und sich zum Verwechseln ähnlich sehen konnten.

All das ist rasant gefilmt, gekonnt geschnitten und von einer packenden Tonspur begleitet. Von wegen gefährlicher Unsinn: beste Filmkunst, und das erst noch im Populärformat.

Dass Kommissar Lannert in einer linksradikalen WG gelebt hat, bevor er Polizist wurde, ist wieder einmal «Tatort»-didaktisch.

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