Nr. 42/2017 vom 19.10.2017

Lehrstück aus dem Glarner-Land

Von Rahel Locher

Ausdrucksvolle Gesichter, der Chor singt ein trauriges jiddisches Lied – und blitzlichtartig taucht der Gedanke auf: So anders als heute war es damals nicht, 1942, als die Schweiz die Grenzen dichtmachte. Schnitt. Bilder in Schwarzweiss. Die Grenze zu Konstanz, verwahrloste Kinder, schwer tragende Mütter, die Hilflosigkeit ins Gesicht geschrieben. Klar, heute droht ennet der Grenze nicht mehr das totale zivilisatorische Versagen, und mit der Flüchtlingskonvention besteht zumindest auf dem Papier ein Recht auf Asyl. Aber lebensgefährliche Fluchtrouten und unwürdige Verhältnisse in den Lagern kennzeichnen auch die Gegenwart. Und wer die Stimme für noch mehr Abschottung dieses privilegierten Europas erhebt, punktet.

Wie Andreas Glarner, Gemeindeammann von Oberwil-Lieli, der mit missionarischem Eifer gegen die Aufnahme von geflüchteten Menschen kämpft – deren zehn müsste die aargauische Gemeinde nach kantonalem Verteilschlüssel unterbringen. Die Schweizer Regisseurin Sabine Gisiger porträtiert in ihrem Dokumentarfilm «Willkommen in der Schweiz» den SVP-Politiker, der mit seiner Kompromisslosigkeit in Asylfragen immer wieder für Aufsehen sorgt. Während er aus dem Off von der «Lügenpresse» und dem «Dorf, das sich wehrt» daherredet, flimmern idyllische Kuhbilder über die Leinwand. Gisiger zeigt aber auch Glarners lokale Widersacherinnen: die damalige grüne Regierungsrätin Susanne Hochuli sowie Johanna Gündel, die im Dorf eine Kundgebung gegen Glarner organisierte und die IG Solidarität Oberwil-Lieli mitbegründet hat.

Gisigers Film umkreist den Konflikt in Oberwil-Lieli mit Aufnahmen aus Gemeindeversammlungen, Fernsehberichten sowie mit Statements der ProtagonistInnen. Zudem markieren Archivbilder wichtige migrationsgeschichtliche Eckpunkte. Mitunter sind die Inhalte vorhersehbar, und auch die Montage ist etwa mit der Kontrastierung von Idylle und rassistischer Hetze wenig originell. Aber der Film bietet einen eingängigen und häufig verstörenden Blick ins befremdende Innere der Schweiz.

Ab 19. Oktober 2017 im Kino.

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