Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Unheilige Mutterschaft

Wie reagiert eine junge Mutter auf die Hindernisse, die Ablehnung und das Unverständnis, auf die sie und ihr Baby täglich stossen? Mit einem Wutanfall.

Von Nadja Brenneisen

Die Autorin im öffentlichen Raum, auf den Mütter in diesem anachronistischen Land ja keinen Anspruch erheben sollen. Foto: Leandra Bach

Kürzlich, in der Schlange vor einem Club, traf ich eine Bekannte. «Wer passt denn auf das Baby auf?», begrüsste sie mich. Als ich ihr erklärte, dass mein Mann zu Hause geblieben war, bekam das Gesicht meines Gegenübers einen schwärmerischen Ausdruck. «Was für einen tollen Mann du doch hast.»

Dass ich die letzten vier Monate keine Nacht durchgeschlafen hatte, meinem Mann den Rücken freihalte, damit er arbeiten gehen kann, und dafür Tag für Tag auf unser gemeinsames Kind aufpasse, behielt ich für mich. Die Frustration über die fehlende Anerkennung meiner Anstrengungen auch. Eine Mutter bleibt schliesslich zu Hause, lässt sich anbrüllen, läuft mit ungewaschenen Haaren und Milchflecken auf dem T-Shirt herum – man hat ja gewusst, auf was man sich einlässt. Der Vater, der eine Nacht lang den Hütedienst übernimmt, ist dagegen ein Held.

Eine Mama, die wieder arbeiten möchte, ist herzlos. Eine Rabenmutter. Dieses Wort benutzte eine Freundin – selbst Mutter –, als ich ihr von meinem Vorhaben berichtete, wieder sechzig Prozent arbeiten zu wollen. Ebendiese ständigen Verurteilungen sind es, die Mütter in die Isolation treiben.

Es gibt in der öffentlichen Wahrnehmung zwei Arten von Frauen: Frauen mit Kindern und Frauen ohne. Mit der Geburt eines Kindes verschwindet Frau gleich von beiden Märkten, die gesellschaftlich relevant sind: vom Arbeits- und vom Sex- oder Romantikmarkt. Mütter verrichten fortan nur noch Gratisarbeit, die sie bitte schön gern tun und über die sie sich nicht beklagen sollen. Als versetze die Mutterschaft jede Frau in eine Art Glückseligkeitsstarre. Die Abwertung meiner geleisteten Arbeit war aber für mich als frischgebackene Mama nach der Geburt meines Kindes ungemein schmerzhaft. Die Anerkennung, die ich über meinen Beruf bekommen hatte, fiel von einem Augenblick auf den andern weg. Niemand gratuliert, wenn Bauchweh weggetröstet, zwei Stunden am Stück gesungen und ein wunder Popo vermieden wurde. That’s the job, baby. Ein Job ohne Feierabendbier, Feierabend oder Sonntagsausschlafen und nicht zuletzt ohne Lohn.

Igitt: Brüste

Welchen Platz hat eine Frau in dieser Gesellschaft, die nicht zur (bezahlten) Arbeiterin und nicht zum Vögeln taugt? Die keine Zeit dafür hat, so schön zu sein, wie die Welt es von ihr erwartet? Die sich nicht mehr spontan auf ein, zwei Drinks mit FreundInnen treffen kann? Die generell eine Konsumentin zweiter Klasse geworden ist? Die einzige Aufgabe, die diese Frau zu erfüllen hat, ist demnach, «eine gute Mutter» zu sein, und ihr Schicksal ist es zu scheitern – beides soll sie aber gefälligst in ihren eigenen vier Wänden tun.

Mütter in der Öffentlichkeit sind ein Schönheitsfehler. Schon beim Einsteigen ins Tram nehmen die anderen Fahrgäste Reissaus, um nicht mit dem Kinderwagen helfen zu müssen. Schreit das Kind, erntet man bitterböse Blicke. Im Café blicken die Gäste besorgt auf – man könnte auf die Idee kommen, sich in ihre Nähe zu setzen. Über sogenannte Starbucks-Mütter gibt es haufenweise Witze: Erbärmliche Gluckhennen, die sich bei koffeinfreiem Kaffee über die Stuhlfarbe ihrer Bälger austauschen. Heute weiss ich: Als Mutter fühlt man sich in der Gruppe gegenüber der breiten Ablehnung stärker. Stärker, die Blicke und das Gefühl auszuhalten, nicht und nirgends willkommen zu sein. Spätestens wenn das Baby ausserhalb einer Toilette oder eines Behelfsrefugiums gestillt wird, strapaziert man den Geduldsfaden der anderen auf das Äusserste. Meistens reisst er. Brüste, aus denen Milch kommt und die der Nahrungsaufnahme statt der sexuellen Lust dienen, stören. Sie stören das Bild im Kopf, was Mann von einer Frau haben möchte, und sie stören offenbar auch den Appetit auf den Kuhmilchlatte oder das Käsepanini, denn hey: Ein Baby isst an Brüsten – widerlich.

Riesengrosse Möpse sind in Pornos wunderbar. Oder auf den Werbeplakaten einer Burgerkette. Oder unter dem T-Shirt einer Moderatorin. Egal wo; Brüste, geil. Nur prall durch den Milcheinschuss sind sie plötzlich verstörend. Das Verrückte ist, dass kaum jemand zugibt, Frauen mit Kindern eine Zumutung zu finden. Und doch reichen die Blicke, um die Mutter wissen zu lassen: Bleib gefälligst zu Hause mit deinem Balg. Die Öffentlichkeit ist ein Raum, auf den Mütter keinen Anspruch haben.

Babyklappen-Aufschrei

Um zu meiner Arztpraxis zu gelangen, musste ich kürzlich ein paar Treppentritte mit dem Kinderwagen bewältigen. Hinauf ging es. Hinunter nicht. Ich lehnte mit dem Körper gegen die Tür, um sie offen zu halten, und versuchte gleichzeitig, möglichst langsam den Kinderwagen Tritt für Tritt abzusetzen. Der Kinderwagen geriet ins Wanken, mein Baby schaukelte gefährlich hin und her. Mein Blick suchte nach möglichen Helfern und meinte, sie in drei Männern zu entdecken, die mir entgegenkamen. Der eine zeigte auf mich und raunte seinen Begleitern etwas zu. Die anderen beiden lachten. Die drei liefen im Abstand von zwei Metern an mir vorbei, ohne zu helfen. Mir stiegen die Tränen in die Augen und die Wut in den Kopf. Ich fühlte mich vorgeführt und alleingelassen.

Es ist ein Paradox: Mütter mit Kindern sind als Ikone erlaubt, aber aus Fleisch und Blut sind sie eine Zumutung. Weltweit werden kleine Kinder Maria getauft – der Mutter Jesu zu Ehren. Und die eigene Ehre ist dann am empfindlichsten getroffen, wenn die Mutter beleidigt wird oder angedroht wird, sie zu «ficken». Wieso also ist es nicht selbstverständlich, dass jeder mit gesunden Armen hilft, wenn wir mit dem Kinderwagen in den Bus steigen?

In solchen Momenten stellt sich mir immer wieder eine Frage: Wie machen das alleinerziehende Mamis? Wie zur Hölle überstehen sie diese nervenaufreibende Zeit und das Gefühl, unerwünscht, ausgeschlossen zu sein? Ab und zu werden Kinder in Babyklappen abgegeben. Ab und zu werden Babys geschüttelt und sterben. Der Aufschrei ist verständlicherweise gewaltig. Doch was ist mit den misshandelten Kindern, die Woche für Woche in Schweizer Spitälern behandelt und schlussendlich wieder nach Hause entlassen, ihren überforderten Eltern wieder ausgeliefert werden? Natürlich ist für diesen Missbrauch in erster Linie die übergriffige Person verantwortlich. Aber auch unsere Gesellschaft und die politische Situation.

Von der EU lernen!

In der Schweiz erhält eine Mutter bis vierzehn Wochen nach der Geburt ihres Kindes Mutterschaftsentschädigung, also achtzig Prozent des Lohns, wenn sie zuvor gearbeitet hat. Während der Schwangerschaft und dieser Mutterschutzzeit darf ihr nicht gekündigt werden, sie muss ihre Stelle dann aber wieder antreten – entweder bringt sie das Kind also in einer Krippe unter oder muss den Job aufgeben. Zum Vergleich: Auch in Deutschland beginnt der Mutterschutz mit der Schwangerschaft. Vor der Entbindung haben Mütter allerdings eine mindestens sechswöchige Schutzfrist, in der absolutes Beschäftigungsverbot gilt. Mit der Geburt eines Kindes haben Eltern einen Rechtsanspruch auf bis zu drei Jahre Elternzeit, das heisst, auch Väter können direkt nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben und die Familie unterstützen.

Auch die EU verpflichtet ihre Mitglieder dazu, einen Elternurlaub von mindestens vier Monaten pro Elternteil zu gestatten. Einen dieser Monate sollen Väter sofort nehmen müssen – und so ermutigt werden, sich in der Familie gleichberechtigt zu engagieren.

Dagegen hat sich der Bundesrat gegen die Vaterschaftsurlaub-Initiative und so gegen einen zwanzigtägigen Vaterschaftsurlaub ausgesprochen. Als Grund führt er die Kosten an, die die Wirtschaft belasten würden. Generell ist die Situation in der Schweiz rückständig. Viele Männer können wegen mangelnder Angebote nicht Teilzeit arbeiten. Da Krippenplätze fehlen oder zu teuer sind, reduzieren Mütter ihr Pensum oder hören auf zu arbeiten, was dazu führt, dass die Frau von ihrem Mann abhängig wird.

Wieso ist es nicht selbstverständlich, Kinder und ihre Eltern mitzudenken? Familien nur an extra für sie vorgesehenen Orten wie auf Spielplätzen oder in Parks zu akzeptieren, schliesst sie aus unserer Gesellschaft aus.

Wieso verstehen unsere Bundesräte nicht, dass Vaterschaftsurlaub essenziell ist, um der propagierten Chancengleichheit ein Stück näher zu kommen? Um Mütter zu entlasten. Um Väter zur ebenbürtigen Bezugsperson zu machen, die viele von ihnen gerne wären. Care-Arbeit muss aufgewertet und gerecht verteilt werden. Diejenigen, die sie verrichten, dürfen karrieremässig nicht benachteiligt werden. Die Geburt eines Kindes darf nicht in anachronistische gesellschaftliche Rollen zwingen. Und bis unsere Gesellschaft das gelernt hat, bleibt mir nichts anderes übrig, als für etwas dankbar zu sein, was selbstverständlich sein sollte: dass mein Mann mir hin und wieder einen freien Abend verschafft und sich so weit engagiert, wie es unter den gegebenen Umständen möglich ist.

Nadja Brenneisen ist Reporterin beim Newsportal «Watson», zurzeit im Mutterschaftsurlaub. Früher war sie bei Vice Switzerland und Kolumnistin bei «NZZ Karriere».

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