Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Sture Ärztin aus dem Aargau

Von Silvia Süess

Der Brief erreichte ihre Schwester einen Tag vor dem Tod der Absenderin: «Adie, adie meine liebe liebe Schwester», stand darin in Bleistift geschrieben. 71 Jahre alt war die Schreibende, als sie 1916 an einer Lungentuberkulose verstarb. Sie hatte Geschichte geschrieben als erste Schweizer Ärztin.

Ausgerechnet im Aargau. Ausgerechnet in diesem Kanton, der heute nicht unbedingt für gesellschaftliche Offenheit, Gleichberechtigung und Fortschritt steht, beginnt ihre Geschichte. Hier, in einem kleinen Dorf, teilte sie als 23-jährige Pfarrerstochter ihrem Vater mit, dass sie Ärztin werden wollte. Die ganze Verwandtschaft war entrüstet – «als wären sie die Träger und Märtyrer der Frauenschande, die ich nun über sie bringe», wie die junge Frau einer Freundin schrieb. Auch im Aargauer Dorf brach ein Sturm der Entrüstung los, der sich über das ganze Land ausbreitete. Dass ein paar schamlose ausländische Frauen in Zürich studierten, mochte noch angehen, dass dies aber auch eine Schweizerin tun würde, war schlicht skandalös.

Doch die junge Frau blieb stur bei ihrem Entschluss und fand in ihrem Vater einen Unterstützer und Förderer. So brauchte sie seine schriftliche Einwilligung, um überhaupt zum Staatsexamen zugelassen zu werden. Und auch Jahre später, als sie eine Zulassung für ihre Praxis für Frauen und Kinder in Zürich beantragte, klappte es erst nach einer Intervention ihres Vaters. Aber auch ihre Schwester unterstützte sie: Sie war bereit, sich allein um den väterlichen Haushalt zu kümmern – der Vater war verwitwet – und so der angehenden Ärztin den Rücken freizuhalten. Diese ging konsequent ihren Weg: In Leipzig spezialisierte sie sich zur Gynäkologin, sie arbeitete einige Monate in einer Entbindungsklinik in Dresden, und ihre Dissertation trug den Titel «Über den Befund der Genitalien im Wochenbett». Später war sie die treibende Kraft bei der Gründung eines Frauenspitals mit integrierter Pflegerinnenschule, die 1899 eröffnet wurde.

Auch als sie 1875, ein Jahr nach der Praxiseröffnung, einen Geologieprofessor heiratete und mit Ende dreissig noch Mutter wurde, blieb sie berufstätig, was damals nur mit der Erlaubnis des Ehemanns möglich war. Zwar unterstützte ihr Mann sie im Wunsch, zu arbeiten, jedoch nicht in ihrem politischen Kampf für das Frauenstimmrecht. Er wolle die «Qualitätsarbeit der Frauen nicht stören und hemmen durch Aufbürden dieser neuen Pflicht», so der Professor.

Wer war diese engagierte, unkonventionelle Aargauerin, die zu ihrem 100. Todestag am 7. November 2016 mit einer Sonderbriefmarke der Schweizer Post geehrt wurde?

Wir fragten nach der Ärztin Marie Heim-Vögtlin aus Bözen bei Brugg. In einem Lebenslauf an die Aargauer Erziehungsdirektion schrieb sie als 25-jährige Studentin: «Ich erlebte meine ganze Kindheit auf dem Lande. Da ich in dem einsamen Dorfe Bözen keine Gespielen hatte, so suchte ich meine Vergnügungen in Feld und Wald, und es ist wohl dieser Umstand, dem ich meine spätere Liebe zu den Naturwissenschaften verdanke.»

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