Nr. 51/2017 vom 21.12.2017

Das Jahr 1 n. Tr.

Wahnsinn, sogar dieses Jahr geht vorbei. Ist es nicht ein Wunder, dass wir es überlebt haben?

Von Ruedi Widmer (Text) und Luca Schenardi (Illustration)

A

A wie Altersvorsorge: Unsere Lebenserwartung steigt nicht mehr, haben neue Forschungen ergeben. Die biologische Leistungsgrenze ist erreicht. Dafür werden wir laut dem US-Zellbiologen Gerald Crabtree immer dümmer. Angeblich sei die Gattung Homo sapiens bereits vor 3000 Jahren auf dem intellektuellen Zenit gewesen. Ackerbau und Sesshaftigkeit hätten dann die Fähigkeiten zunehmend beeinträchtigt. Heute ist es ganz schlimm, für eine Liste der dümmsten Personen 2017 hat es hier leider gar nicht genug Platz. Mit dem Attribut «dumm» ist es ein bisschen wie mit dem Begriffspaar «schön/hässlich» in der Kunstkritik. Man darf es nicht sagen, weil man einen Volltreffer landen würde.

Im September wurde die Rentenreform von Bundesrat Alain Berset (SP) mit 52,7 Prozent abgelehnt. Ob das schön oder hässlich oder dumm ist, kann man nicht wirklich sagen. Auf jeden Fall war die ganze Verjüngungskur für die Katz, und die AHV braucht jetzt selber die Altersvorsorge auf. Sie ist 69 Jahre alt und damit schon pensioniert.

Mit solchen Bildern muss man politisieren, damit die Leute es verstehen.

Einer hat das vor 25 Jahren verstanden:

B

B wie Blocher: Der Brexit zeigt immer wieder, wie gut es war, dass uns Christoph Blocher zusammen mit den Grünen und ein paar Linken aus dem EWR raushielt. Sonst müssten wir dieses Schlamassel jetzt auch durchmachen. «Der EWR ist nicht dasselbe wie die EU», wird man mir sagen. Nun ja, ich bin Schweizer, und die SchweizerInnen können nicht zwischen EU und EWR unterscheiden. Das meinen wir nicht böse, sondern das ist ein genetischer Defekt in unseren Schweizergenen. Ein bisschen wie Farbenblindheit. Wir können auch nicht zwischen Flirt und sexueller Belästigung unterscheiden, nicht zwischen Kriminalität und reinem Gewissen.

B wie Bondo: Das Dorf im Bergell wurde am 24. August Opfer der Klimaerwärmung. Eine gigantische Stein- und Schlammlawine verschüttete das Tal. Die Politik reagierte unbeeindruckt. Die niederstürzenden Schweizer Berge sind selbst für die SchweizerfähnlischwenkerInnen der SVP Sache von IngenieurInnen und Versicherungen, nicht Sache der Heimattümelei. Doch immerhin bekommt so das Militär wieder eine Bedeutung. Für das Wegschaffen des Gerölls der kommenden Bergstürze braucht die Schweiz neue Kampfjets, und zwar doppelt so viele wie das grössere Österreich. VBS-Bundesrat Guy Parmelin (SVP) verweist auf die höheren Berge in der Schweiz (höchster: Dufourspitze, 4634 Meter ü. M.) im Vergleich zu unserem von Burschenschaften regierten Nachbarland (höchster: Grossglockner, 3798 Meter ü. M.).

C

C wie Cassis: Die diesjährige Neuheit im Bundesrat heisst Ignazio Cassis (FDP, TI). Der vor seiner Wahl dem Waffenlobbyverein Pro Tell beitrat, um der SVP zu gefallen. Der einen Schuss abgab und noch während des Flugs der Kugel wieder aus dem Verein austrat. Als die Kugel in die Zielscheibe einschlug, waren alle perplex. Der Mann ist noch unberechenbarer als Schneider-Ammann, Burkhalter, Couchepin, Merz, Villiger und Kopp zusammen.

E

E wie Energiestrategie 2050: Das Volk will auch 2050 noch leben und bis dann eine verantwortungsvolle Energiepolitik haben. Viele BürgerInnen werden Verantwortung übernehmen und ihre gesamte Energie für Einsprachen gegen Solarstromanlagen aufwenden und Bürgerinitiativen gegen Windräder starten. Das Land wird eine gigantische Vogelwarte Sempach sein, natürlich ganz im Sinne der Ecopop-Philosophie. Der Eichelhäher wird plötzlich auch für die Bürgerlichen wichtiger als die Stromherstellung. Ähnlich wie bei «No Billag» weiss das Volk: Das SRF geht auch ohne Geld weiter, und so wird der Wohlstand auch ohne Strom weitergehen, der Kapitalismus ohne Wachstum und das Skifahren ohne Schnee.

E wie EU: Das Verhältnis Schweiz–EU ist so festgefahren wie eine verklemmte Schublade. Jedes Schweizer Kind kann mit hassverzerrtem Gesicht die typischen Schlagwörter «Kohäsionsmilliarde», «Guillotineklausel» oder «Personenfreizügigkeit» fehlerfrei aufsagen. Die SVP zwingt uns nun zu einer Abstimmung über die bilateralen Verträge. Die SchweizerInnen können die bilateralen Verträge aber nicht von der EU unterscheiden, so wie sie den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg nicht vom EU-Gericht in Luxemburg unterscheiden können. Wie schon oben gesagt, ein Gendefekt.

G

G wie Gender: Die Genderforscherin Franziska Schutzbach wurde in einer orchestrierten Kampagne der beiden Blocher-Zeitungen mundtot gemacht, weil sie sich vor Jahren in einem Blog kritisch zur SVP geäussert hatte und eine Genderforscherin ist. Von einer Genderforscherin lässt man sich natürlich noch weniger sagen als von einem Genderforscher.

I

I wie Internet: Das Internet wird von US-Präsident Donald Trump zweigeteilt und künftig aus einem Unternet und einem Obernet bestehen. Immerhin könnte diese Massnahme der Todesstoss von «No Billag» sein. Die mediale Abhängigkeit der BürgerInnen von privaten Konzernen wird hier überdeutlich und könnte einen Stimmungsumschwung auslösen.

N

N wie «No Billag»: Die diesjährige Ecopop-Initiative heisst «No Billag» und plant die Zerstörung der Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft. Leider wurde sie von den InitiantInnen nicht mit der Abgabe von Verhütungsmitteln an afrikanische Länder gekoppelt, so wäre ihre Ablehnung gewiss.

N wie NZZ: Die Lieblingszeitung der AboabbestellerInnen war auch 2017 klar auf Expansion. Mit den Kommentaren von Eric Gujer konnte sich die alte Tante vor allem via Facebook Marktanteile in Thüringen und Sachsen sichern. Die Menschen aus der ehemaligen DDR heimelt die ideologisch gefestigte Meinung des Chefredaktors an und erinnert sie an ihren eigenen Eric Honegger, äh, Erich Honecker.

O

O wie Obsternte: Eine Kältewelle im April zerstörte einen Grossteil der Obsternte in der Schweiz. Das heisst, es wird in der Schweiz für eine Weile weniger Schnapsideen geben.

P

P wie Paradise Papers: Auch vermögende Personen aus der Schweiz wurden im Rahmen der Rechercheaktion «Paradise Papers» als Steuerhinterzieher und Geldversteckerinnen aufgedeckt. Da stellt sich schon auch die Frage, warum wir in der Schweiz eigentlich noch weiter Steuern für Reiche senken, wenn diese ihr Geld ja ohnehin nicht mehr in der Schweiz haben. Paradise Papers hatte allerdings nur eine Halbwertszeit von gut einer Woche. Deshalb eignen sich Ereignisse wie Panama Papers und Paradise Papers viel besser für die unterirdische Lagerung der Nagra als Atomabfälle, die Hunderttausende von Jahren strahlen.

P wie Pussyhats: Die pinken Wollkappen, die in ihrer grössten Hipness sogar von den ParlamentarierInnen im Parlament gelismet wurden, gehen auf Sexprotz und Präsident Donald Trump (USA) und seinen Umgang mit Frauen zurück. Den Hashtag #pussyhats hat man schon wieder vergessen, derzeit läuft er unter #MeToo, und 2013, nachdem der deutsche FDP-Politiker Rainer Brüderle die Journalistin Laure Himmelreich belästigt hatte, war das Stichwort #aufschrei, falls sich noch jemand erinnert. Auch 2018 werden wieder neue Hashtagmottos auftauchen, denn der Sexismus und das Gejammere der sich unterdrückt fühlenden Einfachgestrickten werden kaum so schnell aus der Welt sein.

R

R wie Rechtsrutsch: Das Parlament rutschte statt straight nach rechts diffus in der rechten Mitte herum. Der Rechtsrutsch war nie ganz so klar wie eigentlich angedacht. Das liegt natürlich an Petra Gössi (FDP) und Gerhard Pfister (CVP), die die Rösti nie so heiss essen, wie sie serviert wird. Kein Wunder, macht da Magdalena Martullo-Blocher nicht gerne mit. Die Steuerhinterziehung hat sie mit ihrem SVP-Bankerkollegen Thomas Matter mit Bravour am Parlament und Volk vorbeibundesräteln können. Immerhin war der böse Bundesrat doch mal zu etwas gut.

S

S wie SRG: Das Schweizer Fernsehen kommt mit der No-Billag-Initiative von rechts unter Druck. Die SVP-SeniorInnen buchen schon jetzt ganz begeistert Netflix-Abos. Dort werden sie sicher viele Informationen über «unsere schöne Schweiz» finden.

U

U wie Unternehmenssteuerreform: Am 12. Februar schiffte die Schweizer Wirtschaft mit der Unternehmenssteuerreform III beim Souverän ab. Für einmal war die Linke froh, dass sie die ganzen unangenehmen SVP-Elitenhasser auf ihrer Seite hatte, auch die Verschwörungstheoretikerinnen der Querfront, vermutlich ebenso die Judenhasser und die einstigen Ecopop-Fortschrittsskeptikerinnen. Bei der «Fremde Richter»-Initiative und der Personenfreizügigkeitsinitiative wird man von links aus die AbstimmungshelferInnen vom Februar 2017 dann wieder verfluchen und zum Teufel wünschen.

Ruedi Widmer ist Cartoonist und verbrachte das ganze Jahr 1 nach Trump in Winterthur.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch