Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Selbstjustiz auf Oscar-Kurs

Von Daniela Janser

«Ein rebellisches Meisterwerk», trompetet «Rolling Stone» begeistert über «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri», den neuen Film des Iren Martin McDonagh. Vom Filmfestival von Venedig meldete der «Kurier» «Lachstürme und Szenenapplaus». An den Golden Globes räumte der Film gleich vier Preise ab, derjenige für die beste weibliche Hauptrolle ging an Frances McDormand. Keine verkörpert strenge, vom Leben gezeichnete Frauen besser als sie: uneitel, vermeintlich abgeklärt, dabei voller aufgestauter Gefühle, die sich unvermittelt Bahn brechen. Die Erwartungen waren hoch, die Vorfreude auf den Film gross. Doch als die von McDormand formvollendet gespielte Hauptfigur Mildred Hayes sich immer mehr zur einfühlsam gezeichneten Einfraubürgerwehr entwickelte und daneben alles in Schwarzweissmalerei aufging, kippte die Laune endgültig.

Hayes’ Tochter wurde vergewaltigt und ermordet, ihr Killer läuft frei herum: Die Polizei ist unfähig oder unwillig, den Täter zu finden. Deswegen kauft Hayes sich drei Billboards und prangert dort in Grossbuchstaben den Polizeichef an. Als Garnitur zu den kernigen weissen ProvinzlerInnen gibt es im Kaff einen Kleinwüchsigen und ein paar Schwarze, die wahlweise als Zielscheibe von Ressentiments oder als aufopferungsvolle HelferInnen herhalten müssen. Brutale Gewalt wechselt sich ab mit noch brutalerer Sentimentalität. Ein rassistischer Schläger-Cop darf am Ende geläutert mit Mildred Hayes, nein, nicht in den Sonnenuntergang reiten, sondern einen vermeintlichen Vergewaltiger jagen – ausser Dienst, versteht sich.

Was zum Teufel geht hier vor? Meinen das liberale Hollywood und die Filmkritik im Schlepptau wieder mal, hier entblättere sich das Seelenleben potenzieller Trump-WählerInnen, was ja heute fast automatisch zum Qualitätssiegel gereicht? Ach, hätten die jubelnden KritikerInnen beim Lachen über die derben Witze des Films doch wenigstens die Trump-WählerInnen in sich selbst entdeckt.

Das «Gesamtkunstwerk» («Der Standard») läuft im Kino und ist für sieben Oscars nominiert.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Selbstjustiz auf Oscar-Kurs aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr