Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Die mutige Fliegerin

Von Silvia Süess

Bereits kurz nachdem ihr Tod verkündet worden war, im Juli 1937, kamen Verschwörungstheorien auf, die sich bis heute halten: Die Pilotin sei nicht, wie offiziell verkündet, bei ihrem historischen Flug als erste Frau über den Pazifik abgestürzt. Nein, sie sei auf einer Insel gefangen gehalten worden. Sie habe als Prostituierte für japanische Soldaten weitergelebt. Sie habe als Spionin für Frank D. Roosevelt japanische Gebiete aus der Luft fotografiert und anschliessend unter neuer Identität in den USA weitergelebt.

Die spätere Pilotin wuchs in Kansas auf, den grössten Teil ihrer Kindheit verbrachte sie bei ihren Grosseltern – ihr Grossvater war ein angesehener Richter –, da ihr Vater alkoholkrank war. Als sie zum ersten Mal ein Flugzeug sah, wusste sie, dass sie fliegen wollte. Mit 24 Jahren hatte sie ihr erstes Flugzeug. Es war knallgelb, sie nannte es Kanarienvogel. Als erste Amerikanerin überflog sie 1928 den Atlantik, allerdings «nur» als Passagierin. Doch ein brillanter PR-Mann und Journalist, der später ihr Ehemann werden sollte, vermarktete die schlaksige Pilotin mit den markanten Wangenknochen und den kurzen, strubbeligen Haaren so gut, dass sie als Heldin gefeiert wurde. Man nannte sie «Lady Lindy», weil sie anscheinend dem Flugpionier Charles Lindbergh glich, und befand, dass sie die beste Pilotin des Landes sei.

Dieser aus ihrer Sicht nicht wirklich verdiente Ruhm spornte sie zu Grösserem an. 1932 überquerte sie tatsächlich als erste Frau im Alleinflug den Atlantik. Das brachte ihr als erste Frau die höchste Auszeichnung für Piloten ein. Neben der Fliegerei vertrieb sie eigene Reisetaschen, hatte ein Modelabel und plante mit Lindbergh die erste öffentliche Fluggesellschaft. Ihren Mann hatte sie erst nach mehrfachen Heiratsanträgen geheiratet. Allerdings übergab sie ihm am Hochzeitstag einen Brief mit folgenden Worten: «Du musst wissen, wie sehr mir eine Heirat widerstrebt. Ich fürchte, dass ich damit Chancen für meine Karriere, die mir am meisten bedeutet, verstreichen lasse.»

In einem ihrer letzten Briefe an ihren Mann schrieb sie: «Ich bin mir der Gefahr durchaus bewusst. Aber ich will es nun mal so. Frauen müssen dieselben Dinge tun wie Männer, jedes Scheitern muss für andere als Herausforderung angesehen werden.»

Wer war diese mutige Fliegerin, die eine Pilotinnenvereinigung mitgründete und deren erste Präsidentin war, die sich für Frauenrechte einsetzte und die Präsidentenfrau Eleanor Roosevelt zu nächtlichen Rundflügen über Washington abholte?

Wir fragten nach der Flugpionierin Amelia Earhart. Das Buch «20 Stunden. 40 Minuten. Mein erster Flug über den Atlantik» gab sie 1928 gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann George P. Putnam heraus; es wurde sofort zum Bestseller.

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